Der Riese erwacht …

Mein Wichtel machte große Augen und sah mich mit einem magischen Blick an.

„Wow Isak“, sagte er. „Jetzt wird`s aber spannend. Da muss ich aber gleich wissen wie es weitergeht.“, sprach Helferich, der vor lauter Aufregung nicht mehr still sitzen konnte und auf dem Sessel hin und her rutschte.

„Das kann ich gut verstehen“, antwortete ich. „Was glaubst du, wie es mir beim Schreiben dieser Geschichte erging? Ich konnte gar nicht so schnell die Worte formulieren, wie die Gedanken sie mir in den Sinn gaben. Ich hetzte förmlich, von dem Zauber des magischen Ausdrucks getrieben, diesen unheimlich anmutenden Augenblick zu beschreiben… Pass auf, was jetzt passiert!“

Urplötzlich war Stille eingetreten. Es war jene unheimlich faszinierende Ruhe vor dem Sturm. Diese Situation kennt jeder, der ein wenig Abenteuererfahrung hat, und der Recke Fürchtenichts hatte vielmals und vielerorts diese Erfahrung gemacht. Doch das, was ihm hier in diesem Felsendrachen-Labyrinth begegnete, war weitaus mehr, als er je erlebt hatte. So was hatte er sich nicht in seinen kühnsten Reckenträumen ausmalen können. Und der Recke hatte schon viele kühne Träume geträumt und sich bisher vieles ausgemalt…

Da, kein Wind, kein Ton mehr. Im wolkenlosen Himmel glänzte strahlend der Vollmond, nein er thronte regelrecht in einer großen steinernen Schale, wie eine Opfergabe an die Welt. So was hatte der Recke noch nie gesehen, wie ebenso kein Mensch dies bisher gesehen hatte. Hier bot sich ein Schauspiel grandiosen Ausmaßes dar. Ergriffen von dem zauberhaften Anblick, stand der Recke auf seine Lanze gestützt, seinen Schild haltend, mit sternenfunkelnden Augen mondüberstrahlt da.

Eine knarrende Stimme zerriss den Schleier der Stille, der einen Augenblick und doch scheinbar so unendlich lang über der Welt gelegen hatte. „Was willst Du Wicht von mir? Warum hast Du mich aus meinem Schlaf erweckt? Dazu auch noch mit Angst und Schrecken, den ihr Menschen seit Jahrtausenden immer wieder verbreitet!“ Der Recke zuckte furchtsam zu-sammen. Hätte er sich nicht auf seine Lanze und den Schild stützen können, wäre er sicher umgefallen. So weich waren seine Knie geworden, durch diesen übermächtigen Klang der Stimme.SteinRiesenGesicht1

„He, was hast Du mir zu sagen?“ dröhnte die Stimme aus den Steinen widerhallend, so als würden alle Felsen um den Recken herum das gleiche rufen. Starre erfasste den Recken. Er war unfähig zu denken, zu fühlen, geschweige denn, zu handeln.

Seine Lippen zusammengepresst, wort- und regungslos stand er wie versteinert da. „Ha, ha, haa“ und „Ho, ho, hoo“; dröhnte das donnernde Riesenlachen, welches den Recken so an sein eigenes Lachen erinnerte. „Nun gut, wenn Du dich weigerst mir zu antworten, werde ich Dich schon zum Reden bringen“, schrie die donnernde Riesenstimme. „Ich bin doch nicht erwacht, um mich von einem verstockten Dummkopf in Menschengestalt zum Narren halten zu lassen!“ „Nenne die Losung, sag die Zauberworte, schnell.“ Bei diesen Worten hatte sich der Himmel verdüstert. Wolken fegten plötzlich mit orkanartiger Geschwindigkeit über alles hinweg, pfeifend, gellend und ohrenbetäubend jaulend…Himmelsfeuer-grau

Das Steingesicht

Während Wichtel Helferich und ich versonnen auf die tanzenden Schneeflocken vorm Fenster blickten, sagte er: „Schau, wie sanft und anmutig sie in die Welt fallen. Sie schweben wie kleine Engel auf die Erde herab.“ Ich wusste, dass es meinem Wichtel gefiel, den Reigen der fallenden Flocken zu beobachten. Auch mich beeindruckte das Schneien seit meiner Kindheit und ich erinnerte mich daran, wie ich mit meiner Mama oder meiner Oma am Fenster saß und ebenso ergriffen in die sich darbietende Schneewelt blickte. So wie jetzt, wurde eine Kerze angezündet um eine wärmelnde Atmosphäre zu zaubern.

„Wie schön du das in Menschenworte fassen kannst“, entgegnete ich Helferich, der mich daraufhin mit einem verschmitzten Lächeln ansah. „Würdest du mit mir eine Schlittenfahrt machen, wenn es weiter so schneit?“, fragte er. „Ja gerne würde ich, wenn es dir gefällt. Ich bezweifle nur, dass der Schnee nicht liegen bleibt, weil es nicht kalt genug ist“, meinte ich. „Schließlich haben wir heute Frühlingsanfang“. „Oh schade“, kam es etwas traurig zurück. „Aber wenn es wieder schneit und der Schnee auch liegen bleibt, würdest du dann mit mir Schlittenfahren?“ „Natürlich“, antwortete ich schmunzelnd. „Wie könnte ich dir das abschlagen? Das bereitet mir doch ebenso Freude. Wir könnten auch eine Schlittenwanderung machen“, schlug ich vor. Er nickte und fügte fragend hinzu: „Zu den Elfensteinen?“ „Ja, das ist eine tolle Idee. Mit dem Schlitten über die Wiese, durch den Wald zu den Steinen“, entgegnete ich freudig. Das stimmte auch meinen Wichtelfreund froh. Seine Wichtelaugen blitzten und er räkelte sich wieder einmal aufgeregt auf seinem Platz hin und her.

Du Isak, wie gut, dass dein Recke nicht im Winter zu dem Zauberberg kam. Da hätte er aber mit seinem Pferd sicher größere Schwierigkeiten zu bewältigen gehabt“, sprach er plötzlich nachsinnend. „Magst du etwas mehr über die Reckengeschichte wissen?“, fragte ich, denn ich merkte, dass er nicht zufällig davon sprach. „Oh ja und wie gerne“, jauchzte mein Wichtel und schloss konzentriert die Augen um zu zeigen, dass er bereit war zu hören, was das nächste Kapitel offenbarte.

„Das Steingesicht“

Das Gelände erschien dem Recken, nachdem es langsam dunkel wurde, unsicher, und er wollte es erst zu Fuß erkunden. Sein Pferd ließ er an einen Busch angeleint zurück. Lanze, Schild und Schwert trug der Recke bei sich, um vor eventuellen unliebsamen Überraschungen sicher und geschützt zu sein.Steingesicht-grau

Der Mondhimmel erhellte mittlerweile den Berg. Die Sterne strahlten und der Himmelsdrache wies dem Recken funkelnden Auges den Weg. Da tauchte plötzlich ein überdimensionales Antlitz vor ihm auf. Es war das Seitenprofil eines riesigen Gesichts, das über die Höhen hinweg ins Tal zu blicken schien. Ergriffen von einer Mischung aus Neugier und Furcht vernahm der Recke im Näherkommen die Worte:

Komm näher, dies sind die Elfensteine. Man nennt sie auch der Erde Gebeine. Das Feuer im Stein. Der Erde Blut. Erkenne, was es für dich tut. Erblicke das Leben in allem Gescheh‘ n, so soll die Pforte dir offen steh‘ n. Sprich behutsam und leis‘ den Riesen an. Vielleicht erlöst du ihn aus seinem Bann. Sei bedächtig und mächtig, so ist‘ s vollbracht, was dich hierher geführt, zu dieser Nacht.

Das imaginäre Leuchten um die fremdartig wirkende Kopfpartie verblasste. Zuletzt erloschen die Augen. Das Steingesicht war verstummt und wieder ein scheinbar regloses, gespenstisch wirkendes Felsmassiv…

Begegnung mit dem Schatten

Ich räumte den Tisch ab und löschte die Kerze, während mein Wichtel aus dem Fenster sah. Ich wusste, dass sein Blick auf die Elfensteine gerichtet war, deren Konturen sich langsam aus dem Nebelschleier herausschälten…

Als ich nach dem Abwasch aus der Küche zurückkam, blickte Wichtel Helferich immer noch regungslos aus dem Fenster. Ich setzte mich an den Schreibtisch, startete den Computer und wollte mit dem Schreiben einer Geschichte beginnen. Ohne seinen Blick abzuwenden sprach mich mein Wichtelfreund unmittelbar an. „Die Steine sind wirklich mystisch und in jeder Hinsicht geheimnisvoll“, bemerkte er. „Wenn ich nicht dort am Geröllfeld in eure Welt gepurzelt wäre, würde ich mich jetzt über deren Anblick wundern. Trotzdem frage ich mich, wie du dich so hast inspirieren lassen, dass du diese Reckengeschichte so abenteuerlich darstellen koHST-mystic1nntest.“, ergänzte er.

„Schau“, antwortete ich. „Hier von meinem Schreibplatz aus habe ich die Elfensteine genau so im Blick wie du. Wenn ich also am Computer sitzend aus dem Fenster schaue, werden sofort alle dort erlebten Eindrücke lebendig. Ich beschreibe nur die Bilder, welche so vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen.“

„Ja und dabei vermittelst du den Menschen die dir zuhören ihre eigenen Bilder, führst sie auf neue Erlebenspfade und Erkenntniswege“, sprach Wichtel Helferich, während er sich mir zuwendete. „Ich glaube, ich hätte jetzt Lust das etwas traurige nächste Kapitel aus der Reckengeschichte zu hören“.

Eigentlich wollte ich ja unsere Gesprächspause zum Schreiben benutzen, denn ich hatte ein paar interessante Eindrücke bemerkt, die nach außen drängten und nach Worten und Begriffen riefen. Aber so ist es halt mit den Wichteln, ob mit großen oder kleinen, sie mögen ungern warten… „Also gut“, sagte ich, zündete uns wieder die Kerze an, schlug das Buch zur Erinnerung auf und begann:

„Begegnung mit dem Schatten“

„ DAS GEHEIMNIS „

Mein Wichtel strahlte mal wieder über sein Antlitz und seine Augen leuchteten, als meine letzten Worte verklungen waren. Wie meine Romanfigur besaß er natürlich ebenso die Magie des Lachens. Er kicherte und turnte vor weiterer Erwartungsfreude auf dem Sessel hin und her, als wolle er seine Morgengymnastik nachholen. „Bitte lies noch ein bisschen weiter Isak“, bat er und schaute dabei so verlangend, dass ich ihm auch diesmal seinen Wunsch nicht abschlagen konnte. Lächelnd rückte ich mich auf meinem Stuhl zurecht und setzte meine Lesebrille auf, damit ich ihm das Gedicht zum Einstieg ins nächste Reckenabenteuer vorlesen konnte:

Die Worte des Zwerges klangen mahnend und geheimnisvoll als er sprach:

„Willst du durch die Zauberpforte geh`n, musst du mit den inneren Augen seh`n. Folge der Flamme, deinem inneren Licht. Sonnst kommst du nicht an und findest dich nicht. Suchst du das Feuer, dann finde den Berg. Dies verrat` ich dir als Zauberzwerg“

„Oh, jetzt wird es aber auch etwas traurig bei dem aufregenden Reckenabenteuer“, bemerkte der Wichtel nachsinnend. Ich stimmte zu und dachte an den Recken, dem gerade ein paar Trauerperlen über sein verwegenes Reckenantlitz gekullert waren. Tief berührt von dem Geschehen, vom Gehörten und in der Erwartung wie und wann es weitergehen sollte, saßen wir eine Weile da.

Ich räumte den Tisch ab und löschte die Kerze, während mein Wichtel aus dem Fenster sah. Ich wusste, dass sein Blick auf die Elfensteine gerichtet war, deren Konturen sich langsam aus dem Nebelschleier herausschälten…

DER ZAUBERZWERG UND DIE GLÜCKSFEE

„Das ist ja ein lustiges Gedicht und eine Warnung zugleich“, folgerte Wichtel Helferich mit blitzenden Augen. Die Abenteueretappe des Recken hatte ihn putzmunter werden lassen. „Komm lass uns frühstücken, dann kannst du mir anschließend erzählen wie es weitergeht“, sagte er.

Hunger verspürte ich auch und so beschloss ich die nötigen Vorbereitungen in der Küche zu treffen, damit wir bei Kerzenschein und Abenteuerstimmung das Frühstück genießen konnten. Mein Wichtel mochte gerne englische Orangenmarmelade mit dicken Schalenstückchen auf einem gebutterten Toast. Dazu beliebte er eine Tasse heiße Schokolade mit Sahnehaube zu trinken. „Mmh… das ist ja köstlich“, rief er begeistert und futterte drauflos, als gelte es einen Wettbewerb zu gewinnen. „Ich will schnell wissen, wie`s weitergeht Isak“, ließ er mich mit einem Augenzwinkern wissen.

Ich schmunzelte und legte schon mal das Buch parat, während ich mit einem Schluck Kaffee die letzten Essenskrümel hinunterspülte. „Dann sollst du hören was es mit dem Zauberzwerg und der Glücksfee, welche der Nebeldrache so trefflich beschrieben hatte, auf sich hat“, sagte ich etwas theatralisch. “Höre:

Cartoon knight facing a big red dragon

„ DER NEBELDRACHE “…

Als kleines Geschmacksmuster, hier die Weisung des Nebeldrachen an den Recken:

Der Baumdrache wohnt hinter dem Wolkenberg, gehütet von einem gefürchteten Zwerg. Er ist fürwahr ein finst`rer Gesell`, der jeden verzaubert auf der Stell`, der sich ihm nähert ohne Geheiß. Ich sag` es als Warnung, weil ich es weiß:

Selbst der Waldschrat, der Gnom, auch Kobold und Troll haben von dem Zwerg längst die Nase voll. Sie meiden Ihn und machen große Bögen um ihn herum, weil sie ihn nicht mögen…

Mit dieser Warnung verabschiedete sich der Nebeldrache vom Recken, der somit seiner nächsten Abenteueretappe entgegenritt…

„Gute Nacht und Morgengrauen“

Als ich das Kapitel beendet hatte merkte ich, dass mein Wichtelfreund vom Himmelsdrachen, den ich zuvor erwähnt hatte, in das Reich der Träume und des Schlafes entführt wurde. Mit einem seligen Lächeln lag er da,währenddessen ich das Licht löschte. Sicher würde mir Wichtel Helferich beim gemeinsamen Frühstück mitteilen, an was er sich noch erinnern konnte. So legte ich mich ebenfalls zur Ruhe und freute mich schon darauf, wie es mit unserem Wichtelgespräch weitergehen würde. Mit einem zufriedenen Gähnen schlief ich entspannt ein…

„Isaaak!“, hörte ich die wohlbekannte Stimme meines Wichtels wie aus weiter Ferne rufen. In der Morgendämmerung erkannte ich das Wichtelantlitz neben meiner Bettdecke. „Schau mal, was für interessante Dunstschwaden über die Wiese ziehen. Schnell, zünde uns eine Kerze an und lies mir zur Einstimmung in den Tag noch ein weiteres Kapitel aus dem Reckenbuch“, hörte ich Helferich sagen. Nachdem ich mir erst mal den Schlaf aus den Augen gerubbelt hatte, blickte ich an meinem Wichtel vorbei aus dem Fenster. Tatsächlich schlich dort der Morgennebel mit wallenden Gewändern durch das Wiesental. „Mmh…“, brummelte ich und zündete eine Kerze an. Dann zog ich mir die Schlafdecke über die Füße und blätterte im Buch.

Mein Wichtelfreund hatte sich erwartungsvoll in seinen Sessel gekauert. Bevor ich fragen konnte, antwortete er mir schon: “Ich kann mich noch an alles aus dem letzten Kapitel erinnern, das du mir vor dem Einschlafen erzählt hast. Bis zum Schluss, das mit dem Himmelsdrachen und dem Recken, der dann aufwachte. Wie dein Recke in dem Buch, bin auch ich heute morgen wach geworden, so als hätte ich dieses Abenteuer noch einmal geträumt.“

Ich grinste vom Buch aufschauend: „Das passt ja ausgezeichnet mit dem Morgennebel. Genau wie bei der nächsten Abenteuergeschichte des Recken“, sagte ich. Wichtel Helferich strahlte, während ich das nächste Kapitel erzählte:

„ DER NEBELDRACHE “…

Wenn Ihr bis hierhin mitgelesen habt, scheint Euch die Geschichte des Recken vom Zauberberg zu gefallen. Das gefällt uns, meinem Wichtelfreund und mir natürlich. Im weiteren Gespräch erwähne ich allerdings nur noch die Überschriften der Kapitel. Die weiteren Begebenheiten bitte ich Euch im Buch „DörnbergGeschichten – Der Recke vom Zauberberg“ weiter zu lesen…

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich. Hier ein Link zu Amazon:

http://www.amazon.de/DörnbergGeschichten-Der-Recke-vom-Zauberberg/dp/3842365977/ref=tm

 

Der Drache in Irgendwo

Die letzten Worte meiner Erzählung waren gerade verklungen und während der Recke in sein nächstes Abenteuer galoppierte, schien mein Wichtelfreund entspannt dem Schlaf entgegenzueilen. Ich schmunzelte, über den Rand meiner Brille blickend und legte das Buch beiseite, aus dem ich einige Passagen zitiert hatte.

Wichtel Helferich hatte sich in den Sessel geräkelt und bat mit einem kurzen Augenaufschlag um eine Decke. Ich legte sie behutsam um ihn und er kuschelte sich hinein. „Du musst mir aber noch etwas weiter zum Einschlafen vorlesen Isak“, sagte er mit einem bittenden Lächeln. „Ich höre, auch wenn ich mein Augen geschlossen habe“, fügte er leise murmelnd hinzu. „Vergiss nicht die Kerze zu löschen, wenn ich eingeschlafen bin“, hörte ich ihn noch sagen, bevor ich das nächste Kapitel ankündigte:

„Der Drache in Irgendwo“

Zunächst ging es im leichten Galopp durch´s Gelände, hinaus in die Ferne, ins weite Land. Dass der Drache irgendwo war, dessen war sich der Recke gewiss. Er war schon oft irgendwo gewesen, so war ihm die Richtung auch nicht fremd. Auch das Pferd schien zu wissen, wohin es ging, denn es wieherte vergnügt und schlug gelegentlich übermütig mit den Hufen aus, dass die Steine auf dem Weg Funken sprühten. „Irgendwo“ musste mehr am Berg, denn im Tal liegen, ahnte Recke Fürchtenichts, und als er auf einer grasigen Hochebene hinter dem dunklen Hag der Wölfe rastete, beschloss er, sich einen Plan zu machen.

Ja genau, er wusste plötzlich, wie er „Irgendwo“ finden konnte. „Er musste ja, da er so intensiv daran dachte, schon ganz in der Nähe sein. Wenn er jetzt von hier aus in großräumigen Kreiswegen durch´s Hochtal, spiralig enger werdend, um den Berg ritt, musste er ja zwangsläufig ins „Irgendwo“ und dem dort innewohnenden Drachen gelangen“, sagte sich der Recke.

Wie er so gedanklich den Spiralweg in die Höhe dachte, waren von ihm unbemerkt die Nebelgeister aus dem Wald emporgestiegen. Sie hatten den Recken lautlos schon fast umzingelt und umwallten ihn mit ihren feucht wehenden Gewändern.

Eine seltsame Schwere ergriff ihn und legte sich wie bleierne Müdigkeit in seine Glieder. Recke Fürchtenichts reckte gähnend seine Reckenglieder, rutschte etwas näher an einen Busch und zog sich seine Kuscheldecke über. Die Nebelgeister umwallten ihn, bedeckten ihn gänzlich und flüsterten ihm Traumworte ins Ohr. Der Recke war eingeschlafen…

Die Traumworte der Nebelgeister wandelten sich vor dem inneren Auge des Recken zu Bildern und offenbarten ihm die Geheimnisse, die er noch ent-schlüsseln musste, um seinen Plan zu erfüllen.

Er sah sich im Traum auf seinem Pferd, welches Flügel hatte, über Täler und Hochebenen gleiten. Interessanter-weise bewegte sich sein Pferd, welches aus weiß-goldenem Licht bestand und kristallfunkelnde Augen hatte, genau wie er es sich vorgestellt hatte, mit sanften und gleichwohl mächtigen Flügelschlägen spiralig zum funkelnden Sternenhimmel empor. Die Sterne strahlten glitzernd und erzeugten wundersame Töne, jene, die als Sphärenklänge und Himmelsmusik benannt werden. Gelegentlich glaubte der Recke auch noch ein leises Kichern wahrzunehmen. Vielleicht irrte er sich auch. Doch da war es wieder, zunehmend lauter und schwoll dann zu einem dröhnenden Gelächter an.

Verunsichert blickte Recke Fürchtenichts auf das funkelnde, dröhnende Lichtgebilde hoch über ihm im Kosmos. „Der Drache“ entfuhr es ihm. „Ha, ha, ha, Ho, ho, hooo…“, dröhnte das donnernde Lachen über dem Recken, während der Drache funkelnd und strahlend einen Kometenregen über ihn schüttete. Das gewaltige Himmelsfeuerwerk versetzte den Recken Fürchtenichts in Furcht und Erstaunen zugleich.

dragon symbol
Fotolia

Die Sternschnuppen umkreisten funkensprühend, wie ein dichter werdendes feuriges Netz den Recken, der sich samt Ross spiralig in diesen Feuerschlund hinein-gezogen fühlte. Aus der Ferne hörte er noch das leiser werdende Lachen des Himmelsdrachens, bevor ihn dichte Dunkelheit umfing.

Recke Fürchtenichts schreckte auf, und während er sich in der Dunkelheit sitzend aufrichtete, tastete er nach seinem Schwert. Dieser gewohnte Griff beruhigte ihn und gab ihm augenblicklich seinen Mut zurück. Was war hier geschehen? War das ein Traum?, fragte sich der Recke. Nein, dies war ein Traum-Abenteuer, und auch dieses hatte er mit seinem ihn immerwährend begleitenden Glück irgendwie unversehrt überstanden.

Der Himmelsdrache, dieses überirdische Wesen, hatte sich ihm also offenbart. Diese wohl höchste Instanz aller Drachenwesen erschien jetzt dem Recken bei seinem abenteuerlichen Vorhaben als gutes Omen….

Vom Finden der Möglichkeiten…

Als ich das erste Kapitel des Recken vom Zauberberg zu Ende erzählt hatte, sagte mein Wichtel: „ Das mit den Rittern und Recken ist ja eine interessante Unterscheidung. Dass dein Held aber auch noch Fürchtenichts heißt, klingt schon sehr beeindruckend. Das gefällt mir und besonders gut finde ich, dass du die ganze Geschichte in mehrere Kurzerlebnisse, du nennst sie Kapitel, unterteilt hast. So kannst du mir immer einen weiteren Teil der Begebenheit erzählen, wenn wir wieder so gemütlich bei Kerzenschein zusammen sitzen.“

„Gerne, das mache ich“, antwortete ich und wollte die Kerze löschen, weil ich glaubte, dass mein Wichtel sich nun zur Nachtruhe begeben wollte. Aber sein erstaunter Augenausdruck ließ mich innehalten. „ Du hast doch gerade erst mit der Geschichte begonnen“, sagte Helferich ganz aufgeregt. „Du kannst doch jetzt nicht schon Schluss machen. Ich muss jetzt erst mal hören wie es weitergeht, damit ich die Nacht über von dem Erlebten träumen kann“, sprach mein Wichtel weiter und nickte dazu bejahend mit seinem Kopf…

„Nun gut“, merkte ich an, „dann erzähle ich das nächste Kapitel:

Vom Finden der Möglichkeiten…

Jetzt war es wieder an der Zeit ein neues Abenteuer zu erleben. „Wo soll ich mir mein neues Abenteuer nur suchen?“ fragte sich der Recke oftmals täglich, so wie einem immer wieder tagtäglich Gedanken und Fragen durch den Kopf gehen.

Wie er wieder einmal so da saß, hatte er plötzlich die Antwort, so als ob ihm eine Elfe ins Ohr geflüstert hätte. Oder vielleicht war es war es auch ein Kobold? Nun, jedenfalls wusste der Recke, dass er nicht suchen musste, sondern sich finden lassen sollte. Wo aber sollte er jetzt hin gehen, um vom Abenteuer gefunden zu werden? Was musste er jetzt dazu tun? Musste er irgendein oder jemandes Interesse erwecken? Oder, oder, oder..!

Da waren auf einmal so viele Gedanken, so viele Fragen und sooo viele Möglichkeiten, und vor allen Dingen sooo viele ODER……

Wer kennt nicht diese verflixt auswegslose Situation. Dieses ODER mit all seinen unvorstellbaren verborgenen Möglichkeiten kann sich zu einem wahren Monster auswachsen, überdimensional wie ein riesengroßer Drache.

Halt, stopp!! Alle Gedanken anhalten sagte sich der Recke, „Ich hab`s, ja, ich hab`s….   „Drache, ja ein DRACHE“ !!

So etwas hatte er bislang noch nicht erlebt, gestand sich Recke Fürchtenichts ein. Das war es, was erfahren werden wollte, nein was erlebt werden musste. Und schon wusste er, wie er jenem blutrünstigen Monster, ja ein Feuer-Drache musste es sein, begegnen werde. Ha, ha, ha und ho, ho, ho“, lachte er lauthals vor Vergnügen. Ja er, der Recke Fürchtenichts war von einem neuen Abenteuer gefunden worden und musste jetzt zur Tat schreiten: Er würde den Feuerdrachen finden und bezwingen, ja vielleicht sogar zähmen und als Trophäe vorführen……

Mit diesen Gedanken prüfte der Recke zufriedenstellend seine Waffen, Lanze, Schwert und Schild, um sich mit dröhnendem Ha, ha, ha und Ho, ho, hooo auf sein Pferd zu schwingen ….

Knight riding towards the sunset sky dragon

1. Kapitel… Recke Fürchtenichts

„Das klingt ja alles sehr aufregend!“, rief Wichtel Helferich und ich stimmte ihm zu. Ja, in der Tat war alles erlebte für mich so aufregend gewesen, dass es mir keine Ruhe mehr ließ, bis ich die Geschichte zu Ende geschrieben hatte…

„Also“, sagte ich zu meinem Wichtelfreund, der gespannt seine Wichtelohren spitzte: „Und so begann alles…

Ha, ha, ha und ho, ho, hooo …, das waren des Ritters wichtigste Worte, und das zweitwichtigste war, jedem, der ihn als edlen Ritter ansprach, eine wortgewaltige Abhandlung über Ritter und Recken zu geben.

Nebenbei sei bemerkt, dass Ritter im Grunde genommen immer edel sind, es sei denn, sie seien Raubritter. Aber mit solchem Gesindel hatte unser Ritter, der ja außerdem auch noch ein Recke war, nichts am Hut.

So ergoss er sich in seinen Erläuterungen, dass er ja nicht irgendeiner von den vielen edlen Rittern dieser Welt sei, sondern ein Recke !!

Und das ist ein wesentlicher Unterschied. Ritter sind edel und galant, höflich, gepflegt, usw. aber ein Recke, ja ein Recke verfügt natürlich ebenso über alle ritterlichen Eigenschaften und darüber hinaus doch noch über etwas sehr viel wesentlicheres. Nämlich Abenteuerlust, Kampf-geist und Unerschrockenheit, na ja, eben all das, was auch Kinder so in ihrem Abenteuer-Herzen tragen.

Also ein grundlegendes Prinzip für den Recken ist neben dem rittertümlichen Alltag seiner Abenteuerlust zu frönen. Dabei geht es nicht nur um das heile Durchstehen eines Abenteuers, sondern auch darum, wesensgestärkt daraus hervor zu gehen…..

Unser Recke, Ritter Fürchtenichts, wie er von allen genannt wurde, war also auf der Suche nach einem neuen Abenteuer. Warum neue Abenteuer? Nun, alte sind erlebt, durchlebt und abgelebt. Die Erfahrung ist gemacht und irgend etwas aus dem Innern drängt darauf, einer neuen Lebenssituation zu begegnen, die sich abenteuerlich umsetzen lässt. Natürlich gelingt dies nur, wenn aus dem Vorherigen etwas gelernt wurde…

Nun, Recke Fürchtenichts hatte aus vielen Abenteuern gelernt und hatte all´ seine bisherigen Erfahrungen auch im außeraben-teuerlichen Alltag umgesetzt und angewandt. Mal fleißig, mal bedächtig oder auch kraftvoll oder listig. Er war eben ein mit allen Wassern gewaschener Abenteurer und ein berühmter Recke.

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