Der Abschied

„Was für ein Glück, dass es dem Pferd des ehemaligen Recken auch gut ging. Wenn so ein treuer Begleiter, der ja auch so was wie ein Freund geworden war, alles Schlimme mit erleben musste, ist es gut zu wissen, dass es in bester Obhut war“, freute sich mein Wichtel. „Ja du sagst es. Freunde sorgen sich eben um das, was dem Anderen geschieht“, ergänzte ich. „Ich sorge mich jetzt etwas, weil ich weiß, dass du noch nichts gegessen hast mein lieber Wichtelfreund“, sagte ich lächelnd und ging in die Küche.

Wir aßen bedächtig und schweigend, während wir beide damit beschäftigt waren, das bisher gehörte zu verdauen. Kaum hatte Helferich seinen letzten Bissen hinunter geschluckt, zeigte er sich wieder wissbegierig. „Wir nähern uns doch schon dem Ende deiner Geschichte. Willst du nicht gerade weiter erzählen?“, fragte er mit wehmütiger Stimme. „Ja, es sind nur noch drei kurze Kapitel“, bemerkte ich. Wir haben ja nichts weiter geplant und so erzähle ich dir gerne wie es weitergeht“…

Der Abschied

Wie ein goldenes Band schlängelte sich der mond- und sternenbeschienene Pfad talwärts. Prinz Anmut hatte zeitweilig den Eindruck, als ritte er in einem spiegelnden Bach, der mit jedem Huftritt seines Pferdes alles um ihn herum widerspiegeln und erstrahlen lies. Ja, er glaubte auch deutlich jenen strahlenden Umhang zu spüren, der ihn schützend und schmückend zugleich umfing. Aus den Weg umsäumenden Büschen und Gräsern huschten Warmbach-magic-Neg-Kleinmanchmal flüchtige Gestalten kurz aufleuchtend, funkelnd oder blitzend, mit Zirpen, Säuseln, Rascheln oder einem eigenartigem Klingklang. Alle anwesenden Naturgeister verabschiedeten so ihren neu gekrönten Prinzen mit der Elfenkrone. Sie huldigten ihm auf ihre Weise und verstärkten somit des Prinzen tief empfundenes Gefühl, der Einheit des Menschen mit der Natur.

„Danke, danke Euch Allen“, murmelte der Prinz immer wieder. Dann stimmte er noch einmal das Lied des Lachens an. Alle Naturwesen stimmten ein und es war ein gemeinsames lustiges Gelächter, Glucksen und Kichern weit über die Hochebene zu Füßen der Helfensteine zu hören. Dieser melodische Singsang ergoß sich wie ein gemächlich fließender Bach über die Kuppen des Dörnbergs ins Tal. Dort erfasste er die Menschen der anliegenden Gehöfte und der Dörfer, die entweder erstaunt lauschend aufwachten oder einfach entspannt lächelnd weiter träumten.

Zu guter Letzt verabschiedeten sich die Nebelgeister im nahenden Morgengrauen. Zunächst die Kleinen, welche als flache Schwaden vom Erdboden aufstiegen, dann die größeren, welche Ross und Reiter einhüllten. Schließlich im hellen Dämmerlicht die großen, gewaltig anmutenden Nebelgeister der Wolken und mit ihnen wieder der Nebeldrache. „Unglaublich“, entfuhr es dem Prinzen. Hatte der Nebeldrache doch diesmal eine glitzernde Krone auf seinem Haupt. Oder war es die hinter ihm versteckte Morgensonne, welche sein Drachenhaupt funkeln lies? Mit einem Augenzwinkern zerfloss das Nebelgebilde und gab den Blick frei über die Hochebene.

 

Der Prinz kehrt heim…

Ich wachte früher auf, als gewohnt. Sicher lag es daran, dass ich mich vor dem Einschlafen erinnerte, die Uhr auf Sommerzeit umzustellen. Ob Helferich noch schläft dachte ich und ging leise zu ihm. Da zwinkerte mir ein Wichtelauge entgegen, dass ich lächeln musste. „Schön, dass du schon munter bist Isak“, sagte er. „Komm bitte, setze dich zu mir und erzähle wie es mit dem verwandelten Recken, der ja jetzt ein Prinz wurde, weitergeht.“ „Du hast dir aber alles sehr gut gemerkt“, antwortete ich. Brille und Buch lagen noch auf dem Tisch und so setzte ich mich und begann:

Es war dunkel geworden, Mondlicht umfloss funkelnd die Steine. Die Sterne zwinkerten vergnügt und glockenklingend am Nachthimmel. Prinz Anmut ging noch viel bedächtiger als bisher durch die Talsenke zum Tür-Berg ( Dörnberg ), wo er sein Pferd zum Grasen zurück gelassen hatte. Den zerbeulten Schild hatte er sich über den Rücken gehängt. Vor Freude klatschte er in die Hände, als ein leises Wiehern die Wiedersehens-freude seines alten Tierfreundes ankündigte.

Der Himmelsdrache funkelte und ließ ein paar Kometen und Sternschnuppen als prachtvolles Feuerwerk in alle Richtungen fliegen, so als wolle auch er auf diese Weise dem Prinzen seine Glückwünsche übermitteln. „Sternschnuppen bringen Glück“, wusste der Prinz, „es sind die Tränen des Himmels, die die Menschen beschenken wollen.“Wolkendrache-bunt

Freudig schnaubend, die Vorderhufe in den Himmel reckend, empfing den Prinzen sein treuer Weggefährte. Auch der Prinz freute sich und tätschelte ihm liebevoll den Hals. „Tiere sind mir manchmal lieber als Menschen“, gestand sich der Prinz ein, der als ehe-maliger Abenteurer ein Einzelgänger war und bisher eigentlich gar keinen richtigen Freund hatte. Dazu sei bemerkt, dass Abenteurer selten Freunde haben, außer denen, die über sie lesen. Zum Pflegen einer Freundschaft haben Abenteurer eben keine Zeit, weil sie meistens mit ihren Abenteuern beschäftigt sind.

Jetzt als Prinz Anmut allerdings hatte sich eine solch innere Fülle des ehemaligen Recken bemächtigt, dass er den Eindruck hatte, die ganze Welt und alle dort beheimateten Wesen seien seine Freunde geworden. Der Prinz konnte all die Wesenseindrücke in sich spüren und dies erfreute ihn.

An der nicht enden wollenden Begeisterung seines Pferdes merkte Prinz Anmut, dass es seine Verwandlung bemerkte. Als er den warmen Strahl seiner Lebensflamme in sich aufsteigen spürte wusste er, dass sein Pferd die unsichtbare Elfenkrone auf seinem Haupt wahrnahm. Überrascht über die feinsinnige Wahrnehmung seines Tierfreundes machte sich der Prinz einen kurzen Augenblick Gewissensbisse darüber, dass er sein Pferd hier alleine zurückgelassen hatte. Was musste das arme Tier doch erlitten haben, als es von der Höhe des Dörnbergs hinunter auf die Theaterkulisse der „Helfensteiner Elementarschlacht“ blickte. All die dramatischen Ereignisse der letzten Nacht, Feuer, Wasser, Sturm musste das Tier mit erlebt haben. Ungewiss ob sein Herr heil zurück käme, geschweige denn wieder aufsitzen könne.

Da erinnerte ihn das läutende Elfenglöckchen, welches mit einer Silberschnur in der Pferdemähne hing, dass ihm die Naturgeister und allen voran der gefürchtete Zauberzwerg Hüterich Erdschelm versichert hatten, es würde seinem Pferd während der Abwesenheit seines Herrn und Freundes fortan immer gut ergehen. Erleichtert hängte der Prinz den zerbeulten Schild über die Pferdemähne und stieg auf. Das Pferd wandte den Kopf zur Seite und schleckte über die tiefe Schildmulde, aus der der Zauberkristall herausgebrochen war, so als wollte es eine Wunde verschließen. Dann trabte es leise wiehernd los….

Die Krönung II

W.m.KroneJetzt sitze ich hier die ganze Zeit mit dieser schweren Krone auf meinem zarten Wichtelkopf, nur um Euch daran zu erinnern, wie es mit der „Krönung“ weitergeht. . .

Oh ihr ehrwürdigen Elfensteine, die ihr im Volksmund zu den Helfensteinen wurdet, bitte nehmt meine Gaben an. Möge Allen hier geholfen werden“, sprach der Recke und lies zunächst behutsam den Zauberkristall und dann seine Schwertflamme in den Felsspalt gleiten. Ein leuchtendes Beben erschütterte in diesem Augenblick das Bergmassiv und aus der Felsspalte schoss eine lodernde Flamme hoch in den Himmel, um dann funkenstiebend zu vergehen und sich als Feuerregen über die Elfensteine zu ergießen. Das Steingesicht erwachte wieder für einen Augenblick und sprach:

Dankbarkeit ist Deine Zier und weiter kommst Du nur mit ihr.  Mit allem, was Du hier gemacht, ist Dein Lebenswerk vollbracht.  Prinz Anmut sei’st Du nun genannt. Du erhältst die Krone vom Elfenland. Immer, wenn Dein Strahlen das Dunkel durchbricht, leuchtet und funkelt über Dir nun ein Licht. So wirst Du der strahlende Ritter genannt und als Helfer und Retter vieler Menschen bekannt. Jetzt geh‘ und bringe Allen Kunde von Deinem Wissen und uns‘ rem Bunde. Hilfe wird hier dem zuteil, der uns hier lauscht und Glück und Heil.“

Bei diesen Worten funkelte plötzlich das Auge des SteingesSteinkopf-1ichts und sandte einen gewaltigen Lichtstrahl in den Himmel und weit über die umliegenden Täler. Wie ein Peilstrahl, an dem sich jeder in der Region orientieren könnte, wenn er ihm zu den Steinen folgen wollte, um hier an diesem Zauberort, zu verweilen. Kometenhaft verschwand der Strahl im Innern des Steingesichts. Wiederum ausdruckslos starrte es, stumm wie eh‘ und je, über das Land….

Recke Fürchtenichts, nein Prinz Anmut – er musste sich erst noch an seine plötzliche und unerwartete Namenswandlung gewöhnen – wusste, dass er mit seiner Opfergabe das Leben all derer, die hier an Zauber- und Naturwesen existierten, zurück gebracht hatte. Dafür hatten sie ihm ihrerseits Ehrerbietung gezeigt und ihm die unsichtbare Krone der Allwissenden verliehen. Während er, Prinz Anmut, dies dachte, loderte zur Bestätigung vor ihm eine Flamme auf und verschwand zischend in einer Felsspalte. Ein tiefes Gelächter folgte.

„Der schlafende Riese hat sich mit dem Feuerdrachen verabschiedet“, wusste nun der frisch gebackene Prinz. Nach dem Verlöschen der Flamme war die Felsenöffnung verschlossen, regelrecht verschweißt. Nur ein kleiner Höcker auf der dicken BasalSteingesichter-rundtader kündet heute noch von dem Geschehen. Falls jemand in Zukunft mal an der Stelle stehen sollte, die Prinz Anmut nun verließ.

Mein Wichtel trank den Rest seiner Schokolade, welche mittlerweile vom aufmerksamen Zuhören kalt geworden war. „Was für eine wundersame Wandlung. Erst ist er ein alter Haudegen Namens Fürchtenichts und nun ein Prinz, der dazu auch noch Anmut heißt“, bemerkte Helferich kopfschüttelnd. „Da bin ich aber mal gespannt, wie sich das weiter entwickelt und ob das gut geht“, fügte er noch augenzwinkernd hinzu. Ich musste lauthals gähnen und sagte: „Ich glaube uns beiden würde jetzt eine Mütze voll Schlaf sicher gut tun.“ „Das glaube ich auch“, antwortete Wichtel Helferich gähnend. „Ich mach`s mir schon mal bequem Isak. Wenn du mir nach dem Abräumen eine Decke überlegst, wäre ich dir dankbar“, hörte ich ihn flüstern, während ich das Geschirr in die Küche brachte. Als ich zurück kam war mein Wichtel eingeschlafen. Ich legte eine Kuscheldecke um ihn, löschte das Licht und ging zu Bett. . .

Die Krönung I

. . . Wichtel Helferich summte mit dem Fürchtenichts, verfiel zwischenzeitlich in ein dem Recken gleichendes kicherndes Lachen und wandte sich mir zu. Er wirkte wie eines der im Kapitel beschriebenen Zauberwesen. Ich staunte ihn an, denn ich musste erkennen, dass er tatsächlich ein Zauberwesen war. Dennoch war er mir seit unserer Begegnung so Vertraut geworden und sozusagen ans Herz gewachsen, dass ich im Alltag gar nicht mehr darüber nachdachte. Jetzt wurde es mir wieder bewusst und ich war froh, solch einen treuen und liebevollen Begleiter bei mir zu haben.

„Weist du was?“, fragte ich. Was hältst du davon , wenn ich uns was zum Abendbrot mache?“ Helferichs Augen funkelten freudig und er nickte immer noch summend, bestätigend mit dem Kopf. Daraufhin bereitete ich in der Küche unser gemeinsames Abendmahl. Ich zauberte meinem Wichtel ein Überraschungsessen, das er abends sehr gerne verspeiste. Orangenscheiben mit Zimt und Koriander bestäubt, obenauf ein dicker Klecks Schlagsahne mit Vanille.

So etwas leichtes, fruchtiges liebte Wichtel Helferich. Ich verzierte alles mit einpaar Apfelspalten und Nüssen. Als ich ihm dies auf einem großen flachen Teller servierte und ihm dazu noch seine heißgeliebte Schokolade mit Sahnehäubchen dazu stellte, bekam ich anerkennendes Lob. „Danke Isak. Du hast aber auch immer wieder eine leckere Überraschung parat und meistens dann, wenn ich es mir gerade nicht vorstellen kann“, betonte Helferich freudig. Ich schmunzelte nur stumm, nickte und rückte mir einen Stuhl zurecht, während ich zu meiner Lesebrille griff. Sein Wichtelantlitz strahlte, während er lauschte…

Die Krönung I

Wie lange er so dagelegen hatte, wusste der Recke nicht. Die Sonne war weiter gewandert, bemerkte er, als er sich aufsetzte. In der Ferne zwischen den Bergen färbte sich der Himmel in den schönsten Farben, die der Recke jemals gesehen hatte. Der orange strahlende Ball, der aus den fernen Hügeln heraus zu hüpfen schien, kündete an, dass die Sonne bald hinter den Bergen untertauchen würde, um dann im Mondlicht weiter auf die Erde zu strahlen.

Hst.-Sonn-Unterg-rund-KleinEs war noch nicht ganz vollbracht, spürte der Recke als deutliche Botschaft in sich. Er musste jetzt unver-züglich handeln bevor die Nacht anbrach, die seinen Abschied von diesem wundersamen Ort andeutete. „Am liebsten möchte ich hier bleiben“, dachte der Recke. Ihm war klar, wenn nach ihm jemals wieder jemand auf Grund seiner abenteuerlichen Geschichte hier oben saß und dabei vielleicht auch noch in seine Lachtränen-Pfütze schaute, erging es diesem Jemand ebenso wie ihm jetzt. Sicher würde auch dieser Mensch, ob Groß oder Klein, nur schwerlich und unter Aufbietung all seiner Kräfte, den Abstieg und den Weg nach Hause antreten.

Ich werde eine dauerhafte magische Erinnerung hierlassen, die allen Menschen hilft, diesen zauberhaften Ort wieder verlassen zu können. Sie sollten in Freude und mit der Gewissheit, diesen magischen Ort jederzeit besuchen zu können, gehen. Durch mein Geschenk an die Elfenwesen hier werden diejenigen, welche den tiefen Wunsch in sich verspüren, hierher kommen zu wollen, den Weg wiederfinden.“ Dieser Gedanke, etwas so nützliches für Alle tun zu können, erfüllte den Recken mit solcher Freude und Kraft, dass er am liebsten zersprungen wäre, um sich überall hin auszudehnen…

Bedächtig erhob er den Zauberkristall, legte ihn in seine linke Hand und nahm in die rechte seine abgekämpfte Schwertklinge, die jetzt einer stählernen Flamme glich. Der Kristall hatte über Tag das Sonnenlicht gespeichert und fühlte sich wohlig warm an, wurde zusehends wärmer, sogar heiß. Ebenso war es mit seinem Schwert-Flammen-Gebilde. Achtsamen Schrittes näherte sich der Recke, über das Rückgrat des Berges schreitend, einer Felsspalte hinter dem Steingesicht, welches schon seit je her unentwegt ins Tal blickte.

„Hier werde ich mein Schwert, das ich in meinem letzten und entscheidenden Kampf meines Lebens zur symbolischen Flamme meines Herzens formte, versenken. Meinen Zauberkristall werde ich ebenso hier lassen, als Danksagungs-Opfer und als Pfand für meine Wiederkehr. . .W.m.Krone

Wie`s mit der Krönung im Reckenkapitel weitergeht, erfahrt Ihr im nächsten Blog. Ich  übe schonmal vorab. . .

Die Wandlung

„Hier ist das Dach der Welt oder zumindest meiner Welt“, dachte er froh. Ein bisschen Stolz fühlte er in sich auf-steigen ob des erhebenden Augenblicks. „Wird dies hier nur mir zu Teil oder könnte ich diese, meine Weltsicht auch mit anderen teilen?“,fragte er sich. „Ja, das war es“, kam dem Recken als Idee in den Sinn. Er war ja hierher gekommen um sein größtes Abenteuer zu bestehen. „Hm, nun ja, bestehen?“, fragte sich der Recke. Von Bestehen war nach all dem Erlebten keine Rede mehr, blieb aber noch das Erleben. Und so betrachtete er vor seinem inneren Auge noch einmal den Werdegang des ganzen Geschehens.

Waren es nur Sekunden oder Stunden, vielleicht sogar Tage…. Alles fühlte sich so zeitlos an. Vor des Recken geistigem Auge lief der ganze Erinnerungsfilm ab, einschließlich der letzten Kampfszenen. „Unglaublich, ja ungeheuerlich“, sagte er sich immer wieder. Am meisten überraschte den Recken die Vorstellung, wie er das alles unversehrt hatte überleben können. Und das bei der hier herrschenden Kraft, ja Gewalt der Natur-Elemente.

Der Recke saß inmitten der Basaltadern auf dem Bergplateau und schüttelte bei seinen Vorstellungen ungläubig den Kopf. „Nein, das konnte er keinem Menschen erzählen. Das würde ihm niemand glauben, obwohl es doch so war. Zweifel überkamen den Recken, während er den funkelnden Zauberkristall, den er bisher immer noch in den Händen hielt, behutsam neben sich auf dem Fels ablegte. „Danke, mein treuer BeschüHimmelfelsentzer“, dachte der Recke dabei. Und wie er so dasaß, erfüllt von all seinen inneren Empfindungen von Zweifel, Trauer, Ungewissheit und Furcht, spürte er wieder sein inneres Licht.

Vielleicht waren es die gleißenden Sonnenstrahlen, die sein inneres Licht entfacht hatten. Vielleicht war ja auch diese innere Flamme nur Ausdruck und Wider-spiegelung jener ihn umgebenden Sonne. Vielleicht war ja auch jeder einzelne Sonnenstrahl eine Botschaft an all die vielen Menschen, ja an alle Lebewesen unter der Sonne. Und natürlich auch eine Botschaft an diese altehrwürdigen Steine.

„Lebendiges Licht, Himmelsfeuer“, entfuhr es dem Munde des Recken. Ihm wurde plötzlich klar, alles wurde und wird immer wieder beseelt durch dieses Feuer des Himmels. Und jede Hoffnung, sei sie auch noch so klein, würde von dieser göttlichen Lebensflamme, der Sonne, zur Entfaltung angeregt um sich in diese Wirklichkeit hinein auszuwachsen. Jäh flackerte des Recken innere Lebensflamme empor, schoss hoch über seinen Kopf hinaus in den Himmel und gleichzeitig ganz durch ihn hindurch in die Tiefe des Felsens, des Berges, noch tiefer, bis in die Erdmitte. Der Recke erinnerte sich jetzt wieder an den Feuerblitz, welcher ihn traf, als er den aussichtslosen Kampf aufgab. Dieser Blitz, der ihn scheinbar sterben lies, ihn aber nur in den Traum des Vergessens schickte. Jetzt empfand der Recke, aus sich selbst heraus, aus seiner Erdmitte oder dem Himmel, völlig neu geboren worden zu sein. Mit dieser Empfindung lies sich er sich einfach nach hinten fallen, lag mit seinem Kopf gebettet auf einem Basaltblock, während er mit einem sanften Lächeln auf den Lippen in den Himmel blickte.

Wolkenhimmel-rund-kleinHier war der Himmel für den Recken offen. Um seinen Horizont hatten sich wattebauschartige Wölkchen kreisrund angeordnet, so dass es den Anschein hatte, als blickte er in ein Loch im Himmel oder in ein Himmelsauge. Aus seinem Innern drangen alle möglichen Stimmen und auch Empfindungen, die er jemals hatte, nach draußen. Der Recke sprach gedanklich mit allen auftauchenden Bildfiguren und Wesen gleichzeitig. Dennoch war es kein Durcheinander, sondern so, als wäre er mit jedem im Zwiegespräch… Der Recke hörte den Zauberzwerg sprechen, seine Glücksfee lachen, die Türbergstimme und das Steingesicht, den schlafenden Riesen und alle Elfensteine um ihn herum raunten und flüsterten. Es war wie ein Chorgesang und ab und zu sprach oder sang ein Solist seine Botschaft in die Welt. Natürlich zu allererst zu ihm, dem Recken.

Unbeschreiblich schön empfand er dies. Er fühlte sich so geborgen, gebettet wie auf Federn und gewiegt im Summen der Steine. „Ihr seid wahrhaftig lebendig“, entfuhr es dem Recken laut, worauf ein Kichern und Säuseln ertönte, dem ein dezent dröhnendes Riesenlachen folgte: „Ho, ho, hooo…“ Spontan musste der Recke sich ebenfalls lachend in diesen Gelächterfluss einfügen, welcher wie eine sprudelnde Quelle über die Steinstufen hüpfte und sich glucksend, freudig kichernd als Lach-Geplätscher ins Tal ergoss. Lachtränen rannen dem Recken über das Gesicht und sammelten sich unter seinem Kopf in einer Steinmulde. „Ha, ha, ha – Ho, ho, ho“ sang der Recke Fürchtenichts sein Lied mit den Elfensteinen und allen Zauberwesen….

Wichtel Helferich summte mit dem Fürchtenichts, verfiel zwischenzeitlich in ein dem Recken gleichendes kicherndes Lachen und wandte sich mir zu. Er wirkte wie eines der im Kapitel beschriebenen Zauberwesen…

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Wichtelige Einkäufe

„Oh Isak, das gefällt mir aber gut. Zum Glück hat dein Recke Fürchtenichts alles bisher ja gut überstanden!“, rief mein Wichtelfreund begeistert. „Jetzt können wir auch eine Pause machen und all die schönen Dinge besorgen, die wir unseren Gästen, deinem Sohn und seiner Tochter, anbieten können.“

Etwas nachdenklich fügte er hinzu:“ Ihr habt doch so bestimmte Familienregeln oder Verwandschaftsverhältnisse, sowas hattest du mir mal erklärt. Was bist du denn jetzt für die Tochter deines Sohnes?“ Ich schmunzelte mal wieder über die Wissbegierigkeit meines Wichtels und antwortete:“ Ich bin ihr Opa und sie ist meine Enkelin. „Aha“, meinte Helferich nickend: „Und was wäre ich dann..?“                            „Hm“, brummelte ich: „Wenn ich dein Wichtelpapa bin, wärst du der Bruder meines Sohnes. Somit bist du ihr Onkel und sie ist deine Nichte, verstehst du?“ „Klar doch“, strahlte Wichtel Helferich verschmitzt, wenngleich ich ihm auch nicht so richtig glaubte. Aber das spielte ja keine Rolle, Hauptsache war, dass sich mein „Wichtelsohn“ nun freute. „Aber sicher hat meine Nichte doch auch einen Namen“, meinte Helferich mit einem treuherzigen Augenaufschlag. „Ja natürlich, sie heißt Lilith“, sagte ich: „und ich habe sie ebenso wie du, noch nicht gesehen.DCIM100MEDIA

Unser gemeinsamer Einkauf dauerte wesentlich länger als ich gedacht hatte. Immer wieder erblickte mein Wichtel etwas, was er doch gerne seiner Nichte Lilith schenken wollte. Ich musste bei all dem grinsen, denn mein Wichtel unterschied sich trotz seiner andersartigen Abstammung, mittlerweile nicht mehr vom Verhalten von Menschenkindern. Es erinnerte mich so sehr an die Einkaufs-szenen mit meinen Kindern, die jetzt alle Erwachsene waren. „Schau doch mal Isak, das müssen wir doch mitnehmen. Darauf freut sie sich doch bestimmt“, hörte ich nun schon zum wiederhoDCIM100MEDIAlten Male.

„Oho, eine Tigerente“, bemerkte ich. „Ja und schau mal hier, dieser süße Schneewichtel und auch der da mit seinem karierten Spitzhut“, und so ging es weiter, bis ich endlich abgenickt hatte und wir unseren Einkauf im Auto verstauen konnten.

Helferich nickte zufrieden, als ich ihn auf seinem Sitz anschnallte und als ich eingestiegen war um das Auto zu starten, bemerkte ich mit einem Blick in den Rückspiegel, dass er eingeschlafen war. Sicher träumte er schon davon, wie er seiner Nichte Lilith die kleinen Geschenke überreichte, denn ich glaubte ein leichtes Lächeln auf seinem Wichtelantlitz zu erkennen.

Als ich zu hause angekommen die Einkäufe ausgeladen hatte, trug ich den immer noch schlafenden Wichtel ins Wohnzimmer und bettete ihn in einen Korbsessel. Dies war einer seiner Lieblingsplätze. Kaum hatte ich ihn abgelegt, richtete er sich mit erstauntem Blick auf und rieb sich seine Augen. „Was habe ich da nur alles geträumt?“, murmelte er. „War es denn was Schönes?“, fragte ich.                                                       „Ja, aber es war so kunterbunt durcheinander. Der Recke Fürchtenichts ritt mit Lilith aufDCIM100MEDIA der Tigerente und ich saß mit einer Teddybärenfamilie auf einem Sofa“. Jetzt bemerkte mein Wichtel die beiden kleinen Wichtel-figuren, die er im Geschäft für seine Nichte ausgesucht hatte, neben sich. „Wie kommen die denn hierher?“, fragte er verwundert. „Die wollten deinen Schlaf bewachen“, sagte ich lächelnd und blinzelte ihm zu. „Schau, da ist auch noch die Grinsekatze mit der Wackelblume im Topf und du mittendrin, erinnerst du dich?“, fragte ich. Ich musste Helferich im Geschenkeladen in dieser Pose am Kamin fotografieren, damit wir dann endlich wieder gehen konnten.DCIM100MEDIA

Jetzt staunte er über das Foto und freute sich so sehr, dass er einen Lachanfall bekam. „Ha, ha Isak. Du hast so betröppelt geguckt, als ich sagte, dass wir nicht eher gehen könnten, bis dass ich so fotografiert werden müsste. „Ha, ha, ha, gleich lache ich auch wie dein sagenhafter Recke, ho, ho, hoo!“, klang es lauthals aus seinem Mund, während ich ganz verdattert dastand. „Komm, mach nicht so lange. Das ist eine gute Gelegenheit weiter von deinem Reckenabenteuer zu erzählen“, kicherte mein Wichtel immer noch belustigt. Jetzt war ich es, der Lachen musste über so viel Humor und Wichteldreistigkeit. Ich stimmte in sein kicherndes Lachen ein und zündete eine Kerze an, um erst mal wieder zur Ruhe zu kommen…

Die Wandlung

Inmitten der Felsgebilde kniete sich der Recke, einer inneren Eingebung folgend ins Gras. Er verbeugte sich ganz tief, dass er die Erde und das heuartig duftende Gras riechen konnte. Kräuter und Blumen bedeckten sein Gesicht, während sich Recke Fürchtenichts bei dem von ihm als heilig empfundenen Ort entschuldigte.

Ein leises Raunen ertönte um ihn herum. Die Steine summten, Vögel zwitscherten jubilierend im Sonnenhimmel, als er sich erhob. Ein Schmetter lingspaar, so groß, wie der Recke bisher noch nie einen Schmetterling gesehen hatte, umschwirrte ihn mit akrobatischen Flug-Gaukeleien, als wollte es sich bei ihm bedanken. Augenblicklich wusste er, was er jetzt zu tun hatte. Obwohl er einen leichten Hunger verspürte, ging der Recke ohne zu zögern zurück zu seinem verbeulten Schild. Schützend nahm er den Zauberkristall in beide Hände, klemmte sich völlig unritterlich sein kaputtes Schwert unter den Arm und stieg so behutsam schreitend die Basaltstufen empor.

Ein Schwalbenschwarm begleitete den Recken mit kunstvollen Flugdar-bietungen. Schmetterlinge aller Arten umgaukelten ihn, ja selbst eine azurblaue Libelle schraubte sich um ihn herum. Hummeln und Bienen begleiteten den Recken summend, während dieser Stufe um Stufe höher stieg, so als wollte er in den wolkenlosen Himmel steigen. Oben angekommen, verharrte er ehrfürchtig auf der Basaltplattform. Staunend betrachtete er die gewaltigeHfst-Wesen gemaltn Steinadern zu und unter seinen Füßen, das erstarrte Blut der Erde. Des Recken Blick schweifte über die umliegendenhen, Täler und Berge, zwischen denen einige Dörfer eingebettet waren…

Der Recke erwacht

„Heissa! Das war ja was…“, rief mein Wichtel mit geröteten Wangen und glänzenden Augen, als hätte er gerade den Drachen besiegt… „Hoffentlich ist dem Recken aber nichts Schlimmes passiert.“ Ich schaute meinen Wichtelfreund an, der dasaß, als müsste er jederzeit noch in das Kampfgeschehen eingreifen. Sogar seine Wichtelmütze war verrutscht und seine grauen Rasterlocken mit den kleinen Schellen zitterten, wobei sie leise klingend tönten. „Keine Sorge, der Kampf ist ja vorbei“, antwortete ich. „Du kannst dich entspannt zurücklehnen und im nächsten Kapitel erfahren, was nach diesem atemberaubenden Kampfereignis geschah.

Dann müssen wir beide aber noch ein paar Besorgungen machen. Ich würde mich freuen, wenn du mitkommst“, sprach ich weiter. Wichtel Helferich liebte es, mit mir einzukaufen. Außerdem wusste er, dass uns mein Sohn mit seiner kleinen neugeborenen Tochter besuchen wollte. Da Wichtel Kinder überaus gerne mögen, war er ganz erpicht darauf das neue Weltenkind zu sehen.                                                               „Oh ja Isak, das gefällt mir. Erst erzählst du mir noch wie es dem Recken nach seinem anstrengenden Kampf erging und dann begleite ich Dich…

Plink….., Plonk…., Rumpel, hop – pop, Stille… Ssssst, mmmhh…. summte die Hummel dem Recken ins Ohr. Sie war auf Geheiß seiner Glücksfee unter den Schild des Recken gekrabbelt, um ihn zu wecken. Ganz langsam und gemächlich reckte sich der Recke, seinen Schild beiseite schiebend, während er die Augen aufschlug.                                                                                           Gleißendes Sonnenlicht überflutete ihn, strahlte über ihn hinweg in die Welt. Ein kleiner Vogel lies sich zwitschernd auf des Recken Schild nieder, beäugte ihn neugierig und stupste seinen kleinen Schnabel wetzend auf den ziemlich verbeulten Schild. „Plink, plink, plonk“, klang es dem Recken ins Ohr, und er erinnerte sich, das Geräusch schon einmal gehört zu haben. Der Zauberkristall, welcher inmitten des Reckens Schild funkelte und diesen bisher beschützt hatte, war herausgebrochen. Völlig schadlos, so als wollte er sich von dem verbeulten Schild verabschieden, lag er neben diesem. Er erstrahlte im Sonnenlicht in allen Regenbogenfarben.                                                „Ein erhebendes Schauspiel“, dachte der Recke, während er sich erhob.“Ich habe vor einem Altar geschlafen“, rief er erstaunt aus. Der Recke blickte die Basaltstufen empor und erkannte die Mondschale, die ihn vor Beginn seines Kampfes so beeindruckt hatte. Er ging um den großen Basaltblock herum und erkannte, dass dieser opferschalenartige Stein nun zur Sonnenwiege geworden war. Verzaubert stand der Recke da und bestaunte all die markanten Steingebilde um sich Sonnenwiege-Prägherum.

Dass hier am Vorabend ein Kampf stattgefunden haben sollte, hier bei den sagenhaften Helfensteinen, das konnte sich der Recke, angesichts dieser zauberhaften Idylle überhaupt nicht mehr vorstellen. Und doch musste es so gewesen sein, sonst wäre der Schild nicht so verbeult und der Kristall heraus gefallen. Des Recken Schwert steckte noch immer in einer Felsspalte, übersäht von Scharten und Wellen, so dass es eher einem Sägeblatt glich als einem ehemals edlen Schwert. Er wollte es langsam und behutsam aus dem Fels ziehen, was ihm aber nicht gelang. Mehrmals musste der Recke ansetzen, mit aller Kraft mit beiden Armen ziehend, während er sich mit den Füßen am Felsen abstützte. Der Recke kam sichtlich ins Schwitzen und war verwundert darüber, mit welcher Wucht er wohl im Kampfrausch zugestoßen haben musste, dass er nun unfähig war, die Klinge aus dem Steingebilde heraus zu lösen.

„Oh bitte..“, murmelte er nur kopfschüttelnd. Kaum gedacht, löste sich die Spitze so plötzlich aus dem Stein, dass der Recke samt seinem Schwert rücklings umfiel und vor dem majestätisch ehobenen Steingebilde eine ziemlich klägliche Figur abgab. Das leise kichernde: „Ho, ho, hoo“, hatte der Recke vernommen. Kam es doch irgendwie knarrend, lachend aus dem Stein und gleichwohl auch aus seinem Innern.                                                   „Sieht jetzt aus wie eine Flamme des ehernen Feuers“, seufzte der Recke sein Schwert betrachtend. „Na ja, auch das hat wohl ausgedient.“ Er erinnerte sich jetzt an seine Lanze mit der güldenen Spitze. „Wo mag die nur stecken?“ Wie der Recke, ein wenig beschämt über sein ehemals kämpferisches Vorhaben, nun von Stein zu Stein ging und jedes Steinwesen um den Verbleib seiner Lanze befragte, bekam er keine Antwort. Majestätisch und stumm glitzerten sie ihn nur in der hellen MorgensonSteinkopf-rundne an. Strahlend, teils huldvoll lächelnd, teils schroff und abweisend.

„Verzeihung“, entrang sich der Recke seinen Lippen:“ Wie konnte ich nur so unwissend handeln und gegen euch edle Wesen und Hüter des Berges kämpfen.“ Der Recke erkannte nicht nur die Aussichtslosigkeit, sondern auch die Unsinnigkeit seines Kampfvorhabens. Nie und nimmer hätte er hier auch nur die geringste Chance gehabt, geschweige denn, einen solchen Kampf siegreich zu bestehen. Und doch, so spürte der Recke wieder tief in seinem Innern, hatte er irgend etwas gewonnen. Irgend etwas in seinem Innern hatte gesiegt. Und das machte ihn irgendwie glücklich.

Der Kampf mit dem Drachen

„Ui, ui, ui“, entfuhr es Wichtel Helferich vor lauter Aufregung. Seine Augen glänzten und er schüttelte immer wieder den Kopf, als wollte er etwas loswerden. Er war aber so aufgeregt, dass er kein weiteres Wort hervorbringen konnte. Schließlich entrang er sich ein paar weitere Worte: „Isak, Isak – das ist ja so unglaublich aufregend, dass es mir die Worte verschlägt. Auch das Atmen fällt mir schwer vor lauter Anspannung. Ich komme mir gerade vor, wie dein Recke dort am Zauberberg. Und diese lautstark dröhnende und überaus gewaltige Riesenstimme hallt in mir nach, als würde ich an des Recken Stelle dort am Zauberberg stehen. Wie konnte der das nur aushalten? Ich hätte mich sicher schon längst in irgendeinem Versteck verkrochen…“

„Du musst ja auch kein Wichtel-Recke sein. Es reicht doch, wenn ich dir die Geschichte hier bei Kerzenschein erzähle, wo du dich geborgen und behütet fühlen kannst“, entgegnete ich. „Ja, das finde ich auch schön und dennoch fühle ich und reagiere beim Zuhören, als wäre ich in der Geschichte drin“, meinte mein Wichtel kopfschüttelnd. „Aber bitte – lass uns nicht so lange darüber reden, ich muss jetzt unbedingt wissen was weiter passiert“, ergänzte er mit einem treuherzigen Blick. Wiederum musste ich über die Ausdrucksfähigkeit meines Wichtelfreundes schmunzeln und versprach sofort das folgende Kapitel zu erzählen:

„Der Kampf mit dem Drachen“WolkenAdler-dunkel-Hfst.

Das Inferno wurde mit einem gewaltigen Lichtblitz eingeleitet, dem ein ebenso gewaltiger Donner-schlag folgte, der Bäume und Steine bersten lies. All das wurde unentwegt begleitet von dem Riesenlachen „Ho, ho, hoh“ und „Ha, ha, hah“…. Der Steindrache begann sich wieder zu bewegen. Blitz und funkensprühend entlud sich seine Energie, welche Jahrtausende geschlummert hatte und nun durch das Eindringen des Recken in diese Zauberwelt wieder erweckt worden war. „Das hier war der Feuerdrache seines ersehnten Abenteuers“, durchfuhr es den Recken. Er erhob seinen Schild und stieß mit seiner kampferprobten Lanze dem entgegenstürmenden Feuerungeheuer in den feuerzüngelnden Rachen, so dass noch mehr Funken sprühten. Der Recke spürte, das dies hier versteinertes Feuer war, härtester Fels, Basalt, das steingewordene Blut der Erde…

Seine Lanze steckte in diesem feurig steinernen Ungeheuer. Das Schwert des Recken stieß und schlug den Feuerblitzen entgegen, was nur noch stärkeren Funkenregen erzeugte. Je mehr dieses Drachengebilde wie eine Vielzahl kleiner Drachen den Recken umzingelte, und um so mehr des Recken Schwert funkenstiebende Streiche ausführte, um die Drachenseele zu erwischen, um so müder und langsamer wurde der Recke. Langsam erlahmten seine Kräfte. Der Recke erkannte, dass es im Toben dieser Elementarkräfte, welche der Riese freigelassen hatte, keine Chance für ihn gab den Kampf zu bestehen, geschweige denn zu gewinnen.

Feuer, Erde, Luft, alles wirkte vereint gegen ihn. „Jetzt fehlt nur noch das Element Wasser“, dachte der Recke. „Vielleicht könnte dies das Toben der Elemente besänftigen.“ Kaum gedacht, ergoss sich ein derart wolken-bruchwütiger Regen über die Szenerie, dass der Recke, welcher seinen Schild schutzbedürftig über seinen Kopf hielt, von der Wucht der sich über ihn ergießenden Wassermassen zu Boden gedrückt wurde. 

Er merkte, wie er genau in eine der feurig züngelnden Felsspalten rutschte, so als würde der Feuer-Stein-Drache ihn in sich aufnehmen. „Nun gut, da ich jetzt am Ende meiner Kräfte bin, kann auch mein Lebensabenteuer hier enden“, dachte der Recke. Seine Lippen formten die Worte, welche ganz von alleine aus seinem Innern kamen:“Ich ergebe mich den Mächten des Himmels und der Erde und werde…

In diesem Augenblick konnte der Recke wieder sein Lebenslicht in sich aufleuchten sehen und war erstaunt darüber, wie kraftvoll seine Lebensflamme war, die während des Kampfes von seinem Gefühlsschatten überdeckt wurde, so dass er sie wieder vergessen hatte.

Jetzt in dem Augenblick, als er den Kampf aufgab und sich der Betrachtung seines Inneren zuwandte, loderte das Lebenslicht jäh auf, durchzuckte ihn wie ein gewaltiger Stromschlag, dass er glaubte, vom Blitz getroffen, gestorben zu sein… „Endlich hast du‘ s“, hörte er noch die polternde Stimme des Riesen, die leiser werdend verstummte, bevor er glückselig lächelnd einschlummerte…

Wolkendrache-Echse_grau

Der Riese erwacht …

Mein Wichtel machte große Augen und sah mich mit einem magischen Blick an.

„Wow Isak“, sagte er. „Jetzt wird`s aber spannend. Da muss ich aber gleich wissen wie es weitergeht.“, sprach Helferich, der vor lauter Aufregung nicht mehr still sitzen konnte und auf dem Sessel hin und her rutschte.

„Das kann ich gut verstehen“, antwortete ich. „Was glaubst du, wie es mir beim Schreiben dieser Geschichte erging? Ich konnte gar nicht so schnell die Worte formulieren, wie die Gedanken sie mir in den Sinn gaben. Ich hetzte förmlich, von dem Zauber des magischen Ausdrucks getrieben, diesen unheimlich anmutenden Augenblick zu beschreiben… Pass auf, was jetzt passiert!“

Urplötzlich war Stille eingetreten. Es war jene unheimlich faszinierende Ruhe vor dem Sturm. Diese Situation kennt jeder, der ein wenig Abenteuererfahrung hat, und der Recke Fürchtenichts hatte vielmals und vielerorts diese Erfahrung gemacht. Doch das, was ihm hier in diesem Felsendrachen-Labyrinth begegnete, war weitaus mehr, als er je erlebt hatte. So was hatte er sich nicht in seinen kühnsten Reckenträumen ausmalen können. Und der Recke hatte schon viele kühne Träume geträumt und sich bisher vieles ausgemalt…

Da, kein Wind, kein Ton mehr. Im wolkenlosen Himmel glänzte strahlend der Vollmond, nein er thronte regelrecht in einer großen steinernen Schale, wie eine Opfergabe an die Welt. So was hatte der Recke noch nie gesehen, wie ebenso kein Mensch dies bisher gesehen hatte. Hier bot sich ein Schauspiel grandiosen Ausmaßes dar. Ergriffen von dem zauberhaften Anblick, stand der Recke auf seine Lanze gestützt, seinen Schild haltend, mit sternenfunkelnden Augen mondüberstrahlt da.

Eine knarrende Stimme zerriss den Schleier der Stille, der einen Augenblick und doch scheinbar so unendlich lang über der Welt gelegen hatte. „Was willst Du Wicht von mir? Warum hast Du mich aus meinem Schlaf erweckt? Dazu auch noch mit Angst und Schrecken, den ihr Menschen seit Jahrtausenden immer wieder verbreitet!“ Der Recke zuckte furchtsam zu-sammen. Hätte er sich nicht auf seine Lanze und den Schild stützen können, wäre er sicher umgefallen. So weich waren seine Knie geworden, durch diesen übermächtigen Klang der Stimme.SteinRiesenGesicht1

„He, was hast Du mir zu sagen?“ dröhnte die Stimme aus den Steinen widerhallend, so als würden alle Felsen um den Recken herum das gleiche rufen. Starre erfasste den Recken. Er war unfähig zu denken, zu fühlen, geschweige denn, zu handeln.

Seine Lippen zusammengepresst, wort- und regungslos stand er wie versteinert da. „Ha, ha, haa“ und „Ho, ho, hoo“; dröhnte das donnernde Riesenlachen, welches den Recken so an sein eigenes Lachen erinnerte. „Nun gut, wenn Du dich weigerst mir zu antworten, werde ich Dich schon zum Reden bringen“, schrie die donnernde Riesenstimme. „Ich bin doch nicht erwacht, um mich von einem verstockten Dummkopf in Menschengestalt zum Narren halten zu lassen!“ „Nenne die Losung, sag die Zauberworte, schnell.“ Bei diesen Worten hatte sich der Himmel verdüstert. Wolken fegten plötzlich mit orkanartiger Geschwindigkeit über alles hinweg, pfeifend, gellend und ohrenbetäubend jaulend…Himmelsfeuer-grau

Das Steingesicht

Während Wichtel Helferich und ich versonnen auf die tanzenden Schneeflocken vorm Fenster blickten, sagte er: „Schau, wie sanft und anmutig sie in die Welt fallen. Sie schweben wie kleine Engel auf die Erde herab.“ Ich wusste, dass es meinem Wichtel gefiel, den Reigen der fallenden Flocken zu beobachten. Auch mich beeindruckte das Schneien seit meiner Kindheit und ich erinnerte mich daran, wie ich mit meiner Mama oder meiner Oma am Fenster saß und ebenso ergriffen in die sich darbietende Schneewelt blickte. So wie jetzt, wurde eine Kerze angezündet um eine wärmelnde Atmosphäre zu zaubern.

„Wie schön du das in Menschenworte fassen kannst“, entgegnete ich Helferich, der mich daraufhin mit einem verschmitzten Lächeln ansah. „Würdest du mit mir eine Schlittenfahrt machen, wenn es weiter so schneit?“, fragte er. „Ja gerne würde ich, wenn es dir gefällt. Ich bezweifle nur, dass der Schnee nicht liegen bleibt, weil es nicht kalt genug ist“, meinte ich. „Schließlich haben wir heute Frühlingsanfang“. „Oh schade“, kam es etwas traurig zurück. „Aber wenn es wieder schneit und der Schnee auch liegen bleibt, würdest du dann mit mir Schlittenfahren?“ „Natürlich“, antwortete ich schmunzelnd. „Wie könnte ich dir das abschlagen? Das bereitet mir doch ebenso Freude. Wir könnten auch eine Schlittenwanderung machen“, schlug ich vor. Er nickte und fügte fragend hinzu: „Zu den Elfensteinen?“ „Ja, das ist eine tolle Idee. Mit dem Schlitten über die Wiese, durch den Wald zu den Steinen“, entgegnete ich freudig. Das stimmte auch meinen Wichtelfreund froh. Seine Wichtelaugen blitzten und er räkelte sich wieder einmal aufgeregt auf seinem Platz hin und her.

Du Isak, wie gut, dass dein Recke nicht im Winter zu dem Zauberberg kam. Da hätte er aber mit seinem Pferd sicher größere Schwierigkeiten zu bewältigen gehabt“, sprach er plötzlich nachsinnend. „Magst du etwas mehr über die Reckengeschichte wissen?“, fragte ich, denn ich merkte, dass er nicht zufällig davon sprach. „Oh ja und wie gerne“, jauchzte mein Wichtel und schloss konzentriert die Augen um zu zeigen, dass er bereit war zu hören, was das nächste Kapitel offenbarte.

„Das Steingesicht“

Das Gelände erschien dem Recken, nachdem es langsam dunkel wurde, unsicher, und er wollte es erst zu Fuß erkunden. Sein Pferd ließ er an einen Busch angeleint zurück. Lanze, Schild und Schwert trug der Recke bei sich, um vor eventuellen unliebsamen Überraschungen sicher und geschützt zu sein.Steingesicht-grau

Der Mondhimmel erhellte mittlerweile den Berg. Die Sterne strahlten und der Himmelsdrache wies dem Recken funkelnden Auges den Weg. Da tauchte plötzlich ein überdimensionales Antlitz vor ihm auf. Es war das Seitenprofil eines riesigen Gesichts, das über die Höhen hinweg ins Tal zu blicken schien. Ergriffen von einer Mischung aus Neugier und Furcht vernahm der Recke im Näherkommen die Worte:

Komm näher, dies sind die Elfensteine. Man nennt sie auch der Erde Gebeine. Das Feuer im Stein. Der Erde Blut. Erkenne, was es für dich tut. Erblicke das Leben in allem Gescheh‘ n, so soll die Pforte dir offen steh‘ n. Sprich behutsam und leis‘ den Riesen an. Vielleicht erlöst du ihn aus seinem Bann. Sei bedächtig und mächtig, so ist‘ s vollbracht, was dich hierher geführt, zu dieser Nacht.

Das imaginäre Leuchten um die fremdartig wirkende Kopfpartie verblasste. Zuletzt erloschen die Augen. Das Steingesicht war verstummt und wieder ein scheinbar regloses, gespenstisch wirkendes Felsmassiv…

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