Abschied vom Wichtel . . .

Nach sieben bunten Wichteljahren erwachsen…

Na ja – so bunt waren sie anfänglich nicht, denn als der Wichtel damals an den Helfensteinen in mein Leben purzelte, war er noch grau und namenlos.

Mit dem Beginn unserer Freundschaft und der Zuwendung der Menschen, welche unseren  Wichtelgeschichten lauschten, kam aber zunehmend Lebensbuntheit in den wichtelgrauen Alltag meines Freundes. Mit seiner Namensgebung wurde ich zum Wichtelpapa und wir lebten fortan in einer engen symbiotischen Beziehung. Wir sprachen viel miteinander, tauschten uns aus und ich erhielt Einblicke in die Welt der Naturwesen. Mein Wichtelfreund war sehr wissbegierig die Welt der Menschen zu erfahren und seine Eindrücke mit mir zu teilen. So durchlebten wir gemeinsam viele schöne, aber auch traurige und trostlos anmutende Augenblicke…

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Wichtel mit dicken Wichteltränen in den Augen eines Morgens vor meinem Bett stand und sein Schluchzen mich weckte. Er hatte einen schrecklichen Wichteltraum durchlebt, von Menschen, die mutwillig Natur zerstörten und keinerlei Beziehung mehr zu irgendwelchen Naturwesen hatten, geschweige denn, sich an Wichtel erinnern konnten…

Andererseits wieder leuchteten und strahlten seine Wichtelaugen geheimnisvoll, wenn er mir etwas aus seiner Erinnerungswelt mitteilen konnte. So erfuhr ich in unseren Wichtelgesprächen viele Geschichten, welche ich aufschrieb. Eine habe ich in einem kleinen Buchformat als Kurzgeschichte extra verlegt, weil sie mir besonders gut gefallen hat. Sie heißt „Das kleine Licht“. Mein Wichtelfreund sagte, ein Stein-Troll bei den Helfensteinen hätte sie ihm erzählt, damit er sie mir weitererzählen könne.

Ja – was war das für eine tiefgehend schöne gemeinsame Zeit. Mal eine Lesung in der Schule, im Kindergarten oder bei Veranstaltungen zu besonderen Anlässen. Das „Wichtelmobil“, wie ich mein Auto genannt hatte, brachte uns überall hin und Wichtel Helferich vom Helfenstein, wie mein Wichtelfreund einst an einem Ostermontag an der Zierenberger Wichtelkirche getauft worden war, war stets willkommen. Er wurde von den Menschen, von Groß und Klein, stets bewundert und geschätzt. Alle die ihn sahen mochten ihn und wollten ihn auch gerne mal im Arm halten… 

Nun bin ich es, der mit Tränen in den Augen dasitzt und sich zurück erinnert an all die gemeinsamen Erfahrungsmomente. Als mein Wichtel z. B. beim Dörnberger Panoramalauf den 3. Platz belegte und dafür gleich zwei Urkunden, plus einer Medaille einheimste. Ja – es war auch ein bewegtes Leben, nicht nur in Stille bei Kerzenschein. 

Doch all das existiert nicht mehr und ich merke, wie sehr ich diese wichtelige Zeit vermisse. „Isak“, sagte er mir vor einiger Zeit: „Ich muss wieder zurück in meine Welt. Dort werde ich gebraucht. Meine Lehr- und Erfahrungszeit bei euch Menschen ist für mich zu Ende!“ Ich dachte erst, er würde scherzen, war aber ziemlich betroffen, ja sozusagen bestürzt als ich merkte, dass es meinem Wichtelfreund ernst war. Mir gingen vielerlei Gedanken durch den Kopf. Die Geschichte von dem kleinen Prinz kam mir in den Sinn und die dramatische Verabschiedungsszene, welche ich meinen Kindern früher vorgelesen hatte und dabei manchmal weinte, weil mich dies so tief berührte. Und nun dies… Was kann ich denn für dich tun und wie könnte ich dir helfen?“, fragte ich mit zittriger Stimme. Wichtel Helferich antwortete mit einem ausdrucksstarken Wichtellächeln: „Nichts wirst du tun können, garnichts, nur geschehen lassen.“ Dazu nickte er bekräftigend mit dem Kopf, während seine Gesichtszüge ernst wurden. Seine dunklen Wichtelaugen schienen durch mich hindurch zu blicken. Es war der gleiche Blick, wie bei unserer ersten Begegnung, in dem ich damals glaubte, den Ausdruck der Trauer der ganzen Welt zu sehen.

Als ich an diesem Abend zu Bett ging, konnte ich zunächst nicht einschlafen. Zu sehr beschäftigten die Wichtelworte meine Gedanken und ich wälzte mich im Bett hin und her. Mein Wichtelfreund saß an ein Bild gelehnt auf seinem Dachsfell, welches er als Schlafunterlage mochte. Da er keinen Laut von sich gab nahm ich an, er sei eingeschlafen. So schlief ich dann auch ein, wurde aber in der Nacht mit einem beklemmenden Gefühl wach. Im Traum hatte sich mein Wichtelfreund verabschiedet. Er hatte mich beim Namen genannt und bedankt für alles, was er durch mich erfahren hatte und für unsere gemeinsam verbrachte Zeit. Seine Augen hatten dabei geleuchtet wie zwei kleine Sonnen, die aus seinem Wichtelantlitz strahlten.

Schlaftrunken richtete ich mich im Bett auf und schaute blinzelnd gegenüber zur Wand, wo mein Wichtel saß. Durch das Fenster schienen die Sterne am Nachthimmel, funkelten so leuchtend hell, wie ich sie bisher kaum wahrgenommen hatte. Es wirkte, als würden sie sich bewegen, wie kleine Himmelsglöckchen. Die sonst dunklen Augen meines Wichtels mir gegenüber, glühten und funkelten ebenso wie zwei Sterne, so als würde ihr Lichtschein mich ganz durchdringen. Fast geblendet schloss ich wieder meine schläfrigen Augen und fiel gedankenlos in eine tiefen Schlaf…

Sonnenstrahlen weckten mich, es war heller Tag, als ich die Augen aufschlug. Langsam erinnerte ich mich an meinen Traum und das nächtliche Erlebnis. Ich traute mich kaum zu meinem Wichtel zu blicken. Irgend etwas war anders als sonst. Als ich zu meinem Wichtel hinschaute, fiel mir zunächst nur auf, dass er einen Strauß trockener Rosen neben seiner Wichtelblume hielt. Irgendwie wirkte mein Wichtelfreund etwas steifer als sonst, rührte sich nicht und sagte auch nichts. Das übliche „guten Morgen Isak“ blieb heute aus. Nach und nach erkannte ich die ganze Tragweite des Geschehens, wollte es eigentlich nicht wahr haben, musste aber letztendlich akzeptieren, was ich nicht hätte verhindern können. Mein Wichtelfreund war gegangen. Im Traum hatte er es mir gesagt: „ Isak – ich gehe, ohne dich zu verlassen!“

Tränen rannen aus meinen Augenwinkeln, rollten über mein Gesicht und tropften aufs Bett. In meiner Kehle fühlte ich eine Enge, dass ich einen Moment glaubte, nicht weiter atmen zu können. Ein tiefer Seufzer befreite mich und ich erhob mich, zu meinem Wichtel schlurfend. Er saß einfach da, fast so wie immer. Nur seine sonst akkurat sitzende rote Fliege um seinen Hals war verrutscht, hing stwas schräg nach unten. Aber ich sah nur seine körperliche Hülle. Trotz seiner farbenfrohen Aufmachung, wirkte er grau. Viel grauer, als sein Wichtelkörper sonst war. Seine Augen hatten ihren Glanz verloren, waren erloschen, wirkten wie zwei trübe Flecken. Das Wesen war aus dem Wichtelkörper gewichen, seine Lebendigkeit war fort…

Wie lange ich so da stand weiß ich nicht mehr. Später zündete ich, wie zum gemeinsamen Frühstück, rituell unser Tischkerze an und schaute durch die Flamme zu ihm. Das Zucken der Kerzenflamme erinnerte mich, wie er mir seine metaphorische Geschichte „Das kleine Licht“ erzählt hatte und mich bat, sie in die Welt zu tragen. Ja, mein Wichtelfreund hatte mir damit ein wunderschönes Geschenk gemacht, über das ich mich nun freuen konnte. Das Flackern der Kerzenflamme, gepaart mit der durchs Fenster einfallenden Morgensonne, schien die Gesichtszüge meines Wichtelfreundes zu beleben. Einen Augenblick musste ich lächeln bei dem Anblick, obwohl ich wusste, dass ich das Vergangene nicht mehr ungeschehen machen konnte. Doch die Freude an unsere Gemeinsamkeit drang aus meinem Herzen und da verstand ich was mein Wichtelfreund gemeint hatte, als er sagte: „Ich werde gehen ohne dich zu verlassen“. . .

Hiermit verabschiedet sich vom geheimnisvollen Nordhessen

 

 

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