Echse – Kapitel 4

Frühling zieht ein, in die Natur. Ganz plötzlich erstrahlt alles im wärmenden Sonnenglanz. Es ist ein Tag, als hätte der Himmel die Erde geküsst. Ich gehe über die Wiese, aus der die Kraft der Natur mich förmlich anzuspringen scheint. Halme und Blumenköpfe recken sich, bereit sich dem Licht zu öffnen. Das sanfte Grün, der sich entfaltenden Knospen an den Zweigen, rief mich. Es sind die Birkenfrauen, welche mich magisch anziehen. Wie die „Holden“ einst ihre Geliebten zur geistigen Vermählung riefen, folge ich diesem inneren Ruf, den mir die Birken in ihrem Frühlingsschmuck senden. Wie betört, fast trunken vor wonniger Empfindung, eile ich den beiden Birkenfrauen entgegen, die mir, anmutig weiß gekleidet, ihre grün geschmückten Zweige entgegen recken . . .

Ein flüchtiger Blick aus den Augenwinkeln erfasst die Echse oben am Berg. Majestätisch thront sie da im Sonnenlicht, als würde sie über das sich Entfaltende zu ihren Füßen, gebieten. Ich habe gerade keine Zeit mich vor ihr zu ängstigen, rufen mich doch verheißungsvoll, die beiden Birkenschwestern.

Etwas atemlos wegen des forschen Schritts, stehe ich nun vor ihnen, höre sie säuseln und raunen. Komm Geliebter meines Herzens, scheinen sie wie aus einem Mund zu sprechen. Setz‘ dich zwischen uns, lehne dich an und lass dich, so tönt es, wie aus meiner Seele gesprochen in mir. Wir haben deinen Kummer und deine Sorge vernommen. Über all die kühlen Monde der letzten Monate haben wir deine Angst gespürt. Nun ist die Zeit der Freude und Lebensleichtigkeit gekommen, die wir mit dir teilen wollen. Ihre silbrig-weißen Birkenleiber glänzen anmutig schön in der Morgensonne. Mit einem Seufzer lasse ich mich zu ihren Füßen ins Gras sinken, lehne mich an und lausche.

Wir haben Deine Gespräche mit den Baumfreunden, Zweigesicht und Apfeldrache, vernommen. Wir haben deine Not gespürt, die dich durch deine unbeantworteten Fragen belastet. Komm zur Ruhe bei uns und fühle in dich hinein, vielleicht können wir dir helfen. Oh ja, das wäre wohltuend, sage ich, während die Erinnerung meine Angst vor der Echse wachruft. Was macht die Echse mit dir?, höre ich die Birken fragen. Sie macht mir Angst. Eigent lich macht sie gar nichts schlimmes mit mir. Ich habe nur die Befürchtung, dass etwas Drohendes von ihr ausgeht, und ich nicht weiß, wie ich dem begegnen könnte, sage ich. Ich habe doch erlebt, was dieses Echsenmonster kann, das so scheinbar regungslos in der Landschaft sitzt. Sie kann sich verwandeln. Sie kann Allerorts sein, wenn sie will. Und sie ist sehr lebendig, wenn dies auch für die meisten Menschen nicht den Anschein hat. Am Schlimmsten erscheint es mir ist, dass die Menschen hier in der Region gar nichts von all dem Wissen und es sie auch scheinbar nicht interessiert. So stehe ich allein mit dem Wissen und den Erfahrungen da, fühle mich einsam und verlassen. . .

Wir sind hier bei dir, kommen die tröstenden Worte zurück. Wir und alle Naturwesen wissen darum. Nur erleben wir keine Furcht. Uns ängstigen die Vorgänge in der Natur nicht. Wir sind Ausdruck der Natur, genau so wie du. Genau wie ich?, höre ich mich zweifelnd fragen. Fühle ich etwa Angst und Belastung nur, weil ich mir darum Gedanken mache? Wenn ich dann auch noch versuche, etwas Unerklärliches zu erklären, in dem Glauben, Anderen etwas Bedrohendes aufzeigen zu müssen, dann mache ich mir also nur selber Angst…?

Finde dich in Deiner Kraft, dort kommst du zur Ruhe, säuseln ermunternd die Birken, während ihre Zweige im sanften Windhauch über mich hinweg fächeln. Der mildwürzige Frühlingsduft und die beruhigende Kraft der Birken lassen mich in einen tranceähnlichen Zustand fallen. Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge in meiner Kindheit. Dort, auf einer Maiwiese, mit duftenden Himmelsschlüsseln und Wiesenschaumkraut übersät, sitze ich im Gras. Mit diesem verinnerlichten Bild und dem sanften Raunen der Birken, sinke ich in einen leichten Morgenschlummer:

Glänzendes Mondlicht bestrahlt die Echse am Berg wie ein überdimensionaler Scheinwerfer. Mein Blick auf dieses Bild gerichtet, gehe ich federnden Schrittes vorwärts. Ohne zögern finden meine Füße mit sicherem Tritt immer den richtigen Platz, ohne, dass ich hinschauen müsste. Um Steine herum, über Baumwurzeln und abgestorbenes Gehölz, tasten meine Füße sich gemessenen Schrittes voran. Mir ist, als würde ich an einer Leine gezogen, fast schwebend, von dem Felsenmassiv der Helfensteine angezogen. Am Echsenkopf, unterhalb ihrer dickwulstigen Basaltlippen, lehne ich mich in eine Felsmulde. Den Kopf vom Basaltgestein umschlossen, das noch die Tageswärme gespeichert hat, stehe ich da. Ich fühlte mich, als würde ich in den Basaltfelsen eintauchen, ja hineingezogen und gänzlich umschlossen werden, von diesem machtvollen Steingebilde. Ich fühle diese immense kraftvolle, wuchtige und tonnenschwere Masse, welche mich in sich birgt, wie ein Kind im Schoß seiner Mutter. Heimwärts, Ankunft empfinde ich, gestillte tiefgehende Sehnsucht. Ich erinnere mich an den ersten Augenblick der Begegnung mit den Helfensteinen vor einigen Jahren. Tief aus meinem Innern tönte eine erdige Stimme: “Hier gehe ich nicht mehr weg!” Seitdem war ich fasziniert von diesem mystisch anmutenden Ort der Kraft. Nun war ich hier, lebte und arbeitete zu Füßen dieses ehrwürdigen Wesens, das mich jetzt innig umschlungen hält und mir seine ganze Kraft offenbart …

Wie lange dieser erlösende Frühlingstraum gedauert hatte, konnte ich beim Aufwachen nicht einordnen. Eine herabfallende Birkenknospe musste mich an der Nase wachgekitzelt haben. Mit den letzten Traumbildern kam mir der Gedanke in den Sinn. Wie kann ein solches Wesen, solch kraftvolle Ausgeburt von Mutter Erde, etwas Bedrohliches sein? Hier hat sich das Innere der Erde nach Außen gestülpt, geronnenes Erdenblut, erkaltet zu hartem Basalt. Ich musste lächeln wegen der Vorstellung, Angst gehabt zu haben. In meinen Ohren klang noch ein leises Lachen nach, welches die mittlerweile verstummten Birkenfrauen mir geschenkt hatten. Was für ein schöner und kraftvoller Tag dachte ich, während ich mich aufrappelte. Ich hauchte den Birken dankend, jeweils einen zarten Kuss auf den Stamm und machte mich auf den Heimweg. Einen Blick warf ich vorher noch zu der Bergechse, deren sonnenstrahlgetränktes Echsenauge freudig zurückblitzte. Ihre schwarzwulstigen Basaltlippen glänzten zart schimmernd im Sonnenlicht, als hätte sie einen Lippenstift aufgetragen, was ihrem Mund ein sanftes Lächeln verlieh . . .

 

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