Echse – Kapitel 3

Noch ruht sie, starr, scheinbar reglos nach Süden blickend. Im grauen, kalten Wintermorgen zeichnet sich ihre Struktur aus dem Dunst am Horizont. Die schwarzwulstigen Lippen, dem Himmel zum Kuss dargeboten, bilden einen fast erotisch anmutenden Kontrast zur weißen Schneemütze, welche sie tief über ihre Ohren gezogen zu haben scheint. Grauer Morgen, still, fast unheimlich, wie ein gefrorenes Bild. Baum- und Buschgerippe weisen in verschiedene Richtungen über die schneebedeckten Wiesen und Wege. Noch scheint alles unberührt. Keines Menschen Schritt betrat bisher die Stille und die weiße Decke, welche wie ein weißes Linnen über allem liegt. Nur die vereinzelten Abdrücke einiger Tierboten künden vom Leben in der frostigen Natur.

Ich sitze wohlig warm eingepackt am Fenster und genieße die Winterstimmung. Meine Gedanken versuchen dieses bizarre Steingebilde hoch oben am Waldessaum zu erkunden. Da schiebt sich fast unmerklich eine Dunstwolke, wie aus dem Nichts entstanden, vor das Echsengebilde. Sie will sich vor mir verstecken, weil ich ihr langsam auf die Schliche komme, sage ich mir. Meine Gedanken purzeln mit einmal durcheinander. Was sie jetzt wohl wieder vorhat? Ob sie sich jetzt, unbemerkt und aller Blicke entzogen, verwandelt? Ja, das ist wieder eines ihrer Schabernackspielchen, welches sie in der Dörnbergregion treibt. Sicher ist sie längst weg von ihrem angestammten Platz, zu dem ich immer noch unentwegt hinstarre.

Wahrscheinlich hat sie sich auf und davon gemacht, liegt irgendwo auf einer der Talwiesen auf der Lauer, um einsame Wanderer zu erschrecken…

Was kann ich nur tun, um die Menschen der Region und die Besucher des Naturparks Habichtswald zu warnen? Wie kann ich ihnen die Umtriebe der Echse nahebringen? Was könnte der nächste Schritt sein, dieser Echse vom Elfenberg, ein für alle mal ihr schändliches Handwerk zu legen, sie zu überführen, indem allen Menschen endlich bewusst wird, was da am Elfenberg vor sich geht? Seit Jahrhunderten, nein seit Jahrtausenden neckt dieses, scheinbar in Echsenstarre gefallene Gebilde, die Menschen und alles was sich rund um den Hohen Dörnberg bewegt. Necken ist noch der gelindeste Ausdruck für dieses Reptilverhalten. Angst und Schrecken hat sie sicher früher schon verbreitet. Wer weiß, welche Grausamkeiten die Echse schon begangen haben mag, die dann, in Unkenntnis um ihre wahre Natur und ihres Wirkens, anderen zur Last gelegt wurden. Sicherlich haben, die oft in alten Märchen und Sagen erwähnten schlimmen Dinge, in Wirklichkeit etwas mit dieser, sich vielleicht in alle Wesensarten verwandelnde Echse zu tun. Ja, so musste es sein! Ganz sicher, sagte ich mir in Gedanken.

Da, in diesem Augenblick lösen sich einige Eisblumen an meinem Südwestfenster auf, beginnen langsam zu schmelzen. Roter Hauch überzieht die Dunstschwaden da draußen. Welches Geräusch war das ? Lauert dieser Echsendrache wohl schon vor meinem Fenster, an die Hauswand gelehnt, mich einschüchtern wollend? Bestimmt ist es der heiße Atem dieses Reptils, der die Luft rosig färbt und die Eisblumen am Fenster schmelzen lässt. Oh Gott, was kann ich jetzt noch tun? Welche Chance habe ich, diese Auseinandersetzung mit diesem übermächtigen Echsenwesen zu überstehen….?

Klirrendes Lachen, welches in ein zischelndes Gesäusel übergeht, gefolgt von einem alles durchdringenden Donnerschlag, beendet jäh meinen Gedankenfilm! Erschrocken blicke ich wieder zur Anhöhe auf den Berg. Da thront sie – die Echse, majestätisch wie eh und je. Vom rosigen Dunsthauch der Morgensonne umgeben. Das Echsenauge strahlt und funkelt mich an. Um ihre schwarzwulstigen Basaltlippen scheint ein Lächeln zu spielen, das auf mich irgendwie ermunternd wirkt. Wow – gerade noch mal gut gegangen, denke ich mir . Jetzt erst merke ich wie angespannt ich während meines Kopfkinos dagesessen habe. Ein Haselzweig vor meinem Fenster streift etws Schneelast ab, nickend, als wollte er mir mitteilen, das alles vorbei ist. Ruhe ist eingekehrt und der Morgen wirkt wieder friedlich wie zuvor. Nur wesentlich lebendiger…

Das Licht, ja das alles belebende Sonnenlicht musste es sein. Diese wohlig, lebendige Wärme, die uns seit Menschengedenken umgibt und erfüllt. Behaglichkeit macht sich in mir breit. Oh wie schön empfinde ich diesen Augenblick meines Daseins. Die Echse am Horizont erscheint mir ebenso schön – einfach malerisch. Ich beschließe sie zu malen, ihren winterlichen Ausdruck festzuhalten, um diese Morgenstimmung mit anderen Menschen teilen zu können…

 

 

 

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