Die Echse . . . Kapitel 2

In der endlos erscheinenden, fast schlaflosen Nacht, wälze ich mich im Bett. Der Vollmond äugt durchs Fenster, als wolle er erkunden, was ich mache. Die Gedanken über das Zwiegespräch mit der Echse vom Elfenberg beschäftigen mich, seit unserer wundersamen Begegnung. Ob der Mond mich beobachtet, wohl im Dienst der Echse mich auskundschaftet? Der Echse ist alles zuzutrauen. Auch dass Sie Macht über den Mond haben könnte oder zumindest zeitweilig. Vielleicht haben Sie auch eine Allianz geschlossen, meine Absicht die Menschen aufzurütteln und aufzuzeigen, was auf geheimnisvolle Weise hier in der Region tatsächlich geschieht, zu vereiteln. In meinen Wachtäumen fühle ich noch das Erstarren in mir, welches die Echse durch ihren lebendigen Anblick, ausgelöst hatte. Ihr hämisches Lachen, Zischeln und Kichern wirkt noch in mir nach. Würde ich wohl Macht ihrer Laune.- in Echsenstarre verfallen – wenn sie es darauf anlegte, frage ich mich zum wiederholten Male und verfalle in einen traumlosen Schlaf.

Morgendämmerung dringt durchs Fenster, weckt mich jäh, meine Erinnerungen wachrufend. Die Echse… – ich muss sie fragen die Naturwesen, hinausgehen und erkunden ob ich Verbündete gewinnen kann.

So scheinbar aussichtslos wie mir das Unterfangen erscheint, eine Auseinandersetzung mit der Echse lebend überstehen zu können, mache ich mich dennoch auf den Weg.

Zweigesicht! Baumfreund und Wächter des Wiesentals“, rufe ich in den dämmernden Morgen. Über Grasbüschel und Maulwurfshügel stolpernd eile ich zu ihm. Sein Lachgesicht scheint sich bei meinem Anblick köstlich zu amüsieren, während das Stummgesicht mich ernsthaft anblickt. „Du wirkst sehr aufgeregt. Was hast Du“, fragt mich das uralte weise Baumwesen. „Die Echse, da vom Berg“, stammele ich. „Ich muss etwas über sie erfahren. Kannst du mir helfen?“ Schweigen breitet sich aus, eine fast unerträgliche Stille, die nur einen Augenblick und doch so unendlich lang anhält. Zweigesichts Zweige säuseln im lauen Morgenwind, während der Antwort.

Ich habe seit ich hier bin, schon mehrere Menschengenerationen aufwachsen und auch wieder vergehen sehen. Dennoch bin ich als Teil des stehenden Volkes, wie wir Baumwesen von der Natur benannt werden, ein Baby im Vergleich zu den Mineralwesen. Die Echse, erstarrter Basalt, geronnenes Erdenblut, ist und bleibt auch für mich ein großes Geheimnis, das zu lüften ich nicht imstande bin.

Zu alt ist sie. Sie war schon da, bevor es Lebewesen wie mich und dich gab. Was ihre gelegentlichen Umtriebe anbetrifft, ist sie zudem noch eine jener Ausnahmen, die wohl als ewiges Geheimnis betrachtet werden können. Die Äste meines Baumfreundes ächzten von einer plötzlichen Windbö gepackt jä auf, um sich mit einem fächelnden Seufzer wieder zu beruhigen. Stille umgab mich.

Das anhaltende Schweigen deutete mir das Ende unseres Zwiegesprächs an. Verzweifelt und etwas enttäuscht stolperte ich weiter über die Wiese, nur etwas langsamer. Wie und wo konnte ich denn jemanden oder etwas finden, was mir Aufschluss geben konnte?

Im Blinzeln der aufgehenden Morgensonne leuchtete mir ein gelbrotes Auge meines geliebten Baumdrachens entgegen. Bedächtig wiegte der Baumdrache seine Zweige, während mir seine sonnengetränkten Apfelaugen erwartungsvoll entgegenfunkelten. „Was lässt dich an deinem Menschenmorgen so aufgeregt in die Welt stolpern?“ flüsterte er mir entgegen. „Die Echse, die da droben am Berg“, sagte ich keuchend atmend und erzählte, was mir Zweigesicht mitgeteilt hatte. Andachtsvoll stellten und legten sich die Blätter meines Baumdrachenfreundes in den Zweigen.

Leise schüttelnd warf er mir einen seiner Augäpfeln vor die Füße, während mich seine anderen Apfelaugen durchdringend glitzernd in der Morgensonne, ansahen.

Schau wie jung ich im Vergleich zu Zweigesicht bin. Eine zufriedenstellende Antwort kann ich dir nicht mit auf den Weg geben. Nimm meinen Apfel als Geschenk des Tages. Setze dich hier am Wegesrand, an meinen Stamm gelehnt, wie es die Wanderer gerne tun hin und geniesse ein Apfelfrühstück in der Morgensonne. Dies gibt dir Kraft für den Tag und Lebensfreude dazu. Du wirst die Süße des Lebens schmecken können, wenn du bedächtig kaust“, meinte Baumdrache lächelnd. Das tat ich denn auch, denn ich fühlte tatsächlich Hunger. Bei der genussvollen Apfelmahlzeit unter dem sanft raschelnden Blätterdach wurde mir augenblicklich wohler. Ich spürte die Lebenswärme in mir und die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Zufriedenheit stellte sich ein und fast hätte ich die Echse vergessen, wenn sie sich nicht nicht, sonnenbeschienen am blauen Morgenhimmel, gezeigt hätte.

Ja, da war sie wieder, wie eh und je. Eigentlich sollte ich mich doch mittlerweile an ihren Anblick gewöhnt haben, dachte ich. Tagtäglich schaute ich durch mein Fenster zu ihr, wenn ich auf die malerischen (H)Elfensteine blickte. Ich fühlte wieder welche Magie von diesem Basaltsteinwunderwerk ausging. Hatte mir da nicht gerade ein Echsenauge in der Morgensonne zugezwinkert?

Ich musste Lächeln. Natürlich trieb sie, die Echse ihren Schabernack mit mir. War ich doch durch meine Aufmerksamkeit und Hinwendung ihr gegenüber, zu einem geradezu bereitwilligen Opfer geworden….. So weit – so gut, dachte ich heimwärtsgehend. Aber irgendwie werde ich schon noch mehr erfahren und sicherlich auch irgendwann dahinterkommen, was es mit diesem geheimnisvollen Echsenwesen auf sich hat…

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