Die Echse vom Elfenberg

Wie ein Torwächter sitzt sie, gen Süden blickend, ein Auge auf den hohen Dörnberg gerichtet, das andere in die weite Ferne, über Kassel hinweg Berge und Täler betrachtend. Scheinbar erstarrt, Geologen sprechen von Basaltklumpen – als ehemalige Schlote – mit dem Erdinnern verbunden. So kennen sie die Menschen der Region, die von nah und fern kommend, die mystisch anmutenden (H)Elfensteine aufsuchen. Viele Besucher wissen von den sagenumwobenen Geheimnissen des alten keltischen Kultorts nichts oder nur wenig. Sie kommen, weil sie sich irgendwie angezogen fühlen von diesem magischen Ort, einfach um zu entspannen, die Natur zu genießen und die Gegend durchwandernd zu erkunden. Manche kommen gezielt zu diesem Ort und wählen bestimmte Kraftplätze für ihre Rituale, sei es – um sich nur in Stille meditativ zu verbinden oder singend, trommelnd, flötend von dem überragenden Platz, in die Welt zu tönen.

Die Echse scheint das nicht zu interessieren. Sie ist so alt, hat schon so viele Menschengenerationen erlebt, kommen und gehen sehen… Sonderbarerweise scheint sich aber doch irgend etwas lebendiges, wandelbares in ihrem nach außen versteinert wirkenden Wesen zu befinden. Denn je nach Tageszeit, Sonnenlicht und Perspektive, kann der Betrachter eine vielfältige Verwandlung erkennen. Dies gelingt aber nur denjenigen, die einen Blick für die Anderswelt, jenen innewohnenden Bereich der Imagination und Zauberkraft, kultiviert haben oder sich zumindest zeitweilig von der oberflächlich, fokussierenden Betrachtung befreien können.

Einige Einheimische haben vom Dörnberg kommend schon erlebt, wie sich dieses Echsengebilde in eine Sphinx verwandelte, welche nordöstlich über Kassel und die umliegenden Gemeinden über Täler und Höhen, in die weite Ferne zu blicken scheint. Da dies für die Menschen der häufigste Anblick ist, hat man diese Basaltformation der Helfensteine, Sphinx genannt. Nur wenige Auserwählte wissen, dass dieses sich in Echsenstarre befindliche Gebilde ein Relikt aus alter reptiloider Zeit ist. Ein Feuerdrache, der sich hier vergraben hat, scheinbar reglos und starr, versteinert. Ich glaube, dass bis jetzt kaum jemand bemerkte, wie und wann dieses Reptil sich aus seiner Erstarrung löst und lebendig wird. Das ist eben jenes große und tiefgründige Geheimnis, welches wohl so alt ist, wie die Menschheit selbst oder gar noch viel, viel älter…

Das Echsenmaul mit seinen dickwülstigen Lippen, wirkt schon sehr beeindruckend vor allem, wenn bei Mondlicht oder nebelhafter Umwölkung, die Szenerie von zischenden, rasselnden schwer-atmenden Geräuschen begleitet wird. Immer oder zumindest meistens, wenn den Dörnberg dicke Nebelschwaden umwallen, entzieht sich der Anblick der Helfensteine dem menschlichen Auge. Die Echse gebietet mit ihrer Macht den Nebelgeistern, welche dann auf ihr Geheiß dafür sorgen, dass die Echse mal wieder unbeobachtet einen Ausflug unternehmen kann. Sie ist dann, wie auch meistens nachts, und vor allem in den finsteren Neumondnächten, in der Region unterwegs und treibt ihren Schabernack mit Alljedem.

Während ihrer Abwesenheit erscheint, illussionär für das menschliche Auge, so etwas wie ein virtueller Platzhalter an ihrem angestammten Platz an den Helfensteinen. Als ich der Echse bei einem ihrer Ausflüge des Nachts begegnete fragte ich sie, wie sie es denn mache, dass der Eindruck entstünde, sie wäre nach wie vor fest an dem Ort der Helfensteine verankert, wo ich sie doch hier im freien Gelände, einige Kilometer weit entfernt von ihrem eigentlichen Platz anträfe. Die Echse lachte nur hämisch und zischelte in ihrem typischen Echsenjargon: Ihr Menschen seid einfach zu dumm die Wirklichkeit der Dinge und Wesen zu begreifen. Geh‘ nur hin und erzähle deinen Artgenossen was du gerade erlebt hast. Sie werden dir niemals glauben.“ Mit diesen Worten, die tief in meinem Innern widerhallten wie ein sich wiederholendes Echo, löste sich die Echse vor meinen Augen auf… Ein leiser werdendes Kichern, Knarren und Rasseln begleitete ihr Verschwinden…

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