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Abschied vom Wichtel . . .

Nach sieben bunten Wichteljahren erwachsen…

Na ja – so bunt waren sie anfänglich nicht, denn als der Wichtel damals an den Helfensteinen in mein Leben purzelte, war er noch grau und namenlos.

Mit dem Beginn unserer Freundschaft und der Zuwendung der Menschen, welche unseren  Wichtelgeschichten lauschten, kam aber zunehmend Lebensbuntheit in den wichtelgrauen Alltag meines Freundes. Mit seiner Namensgebung wurde ich zum Wichtelpapa und wir lebten fortan in einer engen symbiotischen Beziehung. Wir sprachen viel miteinander, tauschten uns aus und ich erhielt Einblicke in die Welt der Naturwesen. Mein Wichtelfreund war sehr wissbegierig die Welt der Menschen zu erfahren und seine Eindrücke mit mir zu teilen. So durchlebten wir gemeinsam viele schöne, aber auch traurige und trostlos anmutende Augenblicke…

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Wichtel mit dicken Wichteltränen in den Augen eines Morgens vor meinem Bett stand und sein Schluchzen mich weckte. Er hatte einen schrecklichen Wichteltraum durchlebt, von Menschen, die mutwillig Natur zerstörten und keinerlei Beziehung mehr zu irgendwelchen Naturwesen hatten, geschweige denn, sich an Wichtel erinnern konnten…

Andererseits wieder leuchteten und strahlten seine Wichtelaugen geheimnisvoll, wenn er mir etwas aus seiner Erinnerungswelt mitteilen konnte. So erfuhr ich in unseren Wichtelgesprächen viele Geschichten, welche ich aufschrieb. Eine habe ich in einem kleinen Buchformat als Kurzgeschichte extra verlegt, weil sie mir besonders gut gefallen hat. Sie heißt „Das kleine Licht“. Mein Wichtelfreund sagte, ein Stein-Troll bei den Helfensteinen hätte sie ihm erzählt, damit er sie mir weitererzählen könne.

Ja – was war das für eine tiefgehend schöne gemeinsame Zeit. Mal eine Lesung in der Schule, im Kindergarten oder bei Veranstaltungen zu besonderen Anlässen. Das „Wichtelmobil“, wie ich mein Auto genannt hatte, brachte uns überall hin und Wichtel Helferich vom Helfenstein, wie mein Wichtelfreund einst an einem Ostermontag an der Zierenberger Wichtelkirche getauft worden war, war stets willkommen. Er wurde von den Menschen, von Groß und Klein, stets bewundert und geschätzt. Alle die ihn sahen mochten ihn und wollten ihn auch gerne mal im Arm halten… 

Nun bin ich es, der mit Tränen in den Augen dasitzt und sich zurück erinnert an all die gemeinsamen Erfahrungsmomente. Als mein Wichtel z. B. beim Dörnberger Panoramalauf den 3. Platz belegte und dafür gleich zwei Urkunden, plus einer Medaille einheimste. Ja – es war auch ein bewegtes Leben, nicht nur in Stille bei Kerzenschein. 

Doch all das existiert nicht mehr und ich merke, wie sehr ich diese wichtelige Zeit vermisse. „Isak“, sagte er mir vor einiger Zeit: „Ich muss wieder zurück in meine Welt. Dort werde ich gebraucht. Meine Lehr- und Erfahrungszeit bei euch Menschen ist für mich zu Ende!“ Ich dachte erst, er würde scherzen, war aber ziemlich betroffen, ja sozusagen bestürzt als ich merkte, dass es meinem Wichtelfreund ernst war. Mir gingen vielerlei Gedanken durch den Kopf. Die Geschichte von dem kleinen Prinz kam mir in den Sinn und die dramatische Verabschiedungsszene, welche ich meinen Kindern früher vorgelesen hatte und dabei manchmal weinte, weil mich dies so tief berührte. Und nun dies… Was kann ich denn für dich tun und wie könnte ich dir helfen?“, fragte ich mit zittriger Stimme. Wichtel Helferich antwortete mit einem ausdrucksstarken Wichtellächeln: „Nichts wirst du tun können, garnichts, nur geschehen lassen.“ Dazu nickte er bekräftigend mit dem Kopf, während seine Gesichtszüge ernst wurden. Seine dunklen Wichtelaugen schienen durch mich hindurch zu blicken. Es war der gleiche Blick, wie bei unserer ersten Begegnung, in dem ich damals glaubte, den Ausdruck der Trauer der ganzen Welt zu sehen.

Als ich an diesem Abend zu Bett ging, konnte ich zunächst nicht einschlafen. Zu sehr beschäftigten die Wichtelworte meine Gedanken und ich wälzte mich im Bett hin und her. Mein Wichtelfreund saß an ein Bild gelehnt auf seinem Dachsfell, welches er als Schlafunterlage mochte. Da er keinen Laut von sich gab nahm ich an, er sei eingeschlafen. So schlief ich dann auch ein, wurde aber in der Nacht mit einem beklemmenden Gefühl wach. Im Traum hatte sich mein Wichtelfreund verabschiedet. Er hatte mich beim Namen genannt und bedankt für alles, was er durch mich erfahren hatte und für unsere gemeinsam verbrachte Zeit. Seine Augen hatten dabei geleuchtet wie zwei kleine Sonnen, die aus seinem Wichtelantlitz strahlten.

Schlaftrunken richtete ich mich im Bett auf und schaute blinzelnd gegenüber zur Wand, wo mein Wichtel saß. Durch das Fenster schienen die Sterne am Nachthimmel, funkelten so leuchtend hell, wie ich sie bisher kaum wahrgenommen hatte. Es wirkte, als würden sie sich bewegen, wie kleine Himmelsglöckchen. Die sonst dunklen Augen meines Wichtels mir gegenüber, glühten und funkelten ebenso wie zwei Sterne, so als würde ihr Lichtschein mich ganz durchdringen. Fast geblendet schloss ich wieder meine schläfrigen Augen und fiel gedankenlos in eine tiefen Schlaf…

Sonnenstrahlen weckten mich, es war heller Tag, als ich die Augen aufschlug. Langsam erinnerte ich mich an meinen Traum und das nächtliche Erlebnis. Ich traute mich kaum zu meinem Wichtel zu blicken. Irgend etwas war anders als sonst. Als ich zu meinem Wichtel hinschaute, fiel mir zunächst nur auf, dass er einen Strauß trockener Rosen neben seiner Wichtelblume hielt. Irgendwie wirkte mein Wichtelfreund etwas steifer als sonst, rührte sich nicht und sagte auch nichts. Das übliche „guten Morgen Isak“ blieb heute aus. Nach und nach erkannte ich die ganze Tragweite des Geschehens, wollte es eigentlich nicht wahr haben, musste aber letztendlich akzeptieren, was ich nicht hätte verhindern können. Mein Wichtelfreund war gegangen. Im Traum hatte er es mir gesagt: „ Isak – ich gehe, ohne dich zu verlassen!“

Tränen rannen aus meinen Augenwinkeln, rollten über mein Gesicht und tropften aufs Bett. In meiner Kehle fühlte ich eine Enge, dass ich einen Moment glaubte, nicht weiter atmen zu können. Ein tiefer Seufzer befreite mich und ich erhob mich, zu meinem Wichtel schlurfend. Er saß einfach da, fast so wie immer. Nur seine sonst akkurat sitzende rote Fliege um seinen Hals war verrutscht, hing stwas schräg nach unten. Aber ich sah nur seine körperliche Hülle. Trotz seiner farbenfrohen Aufmachung, wirkte er grau. Viel grauer, als sein Wichtelkörper sonst war. Seine Augen hatten ihren Glanz verloren, waren erloschen, wirkten wie zwei trübe Flecken. Das Wesen war aus dem Wichtelkörper gewichen, seine Lebendigkeit war fort…

Wie lange ich so da stand weiß ich nicht mehr. Später zündete ich, wie zum gemeinsamen Frühstück, rituell unser Tischkerze an und schaute durch die Flamme zu ihm. Das Zucken der Kerzenflamme erinnerte mich, wie er mir seine metaphorische Geschichte „Das kleine Licht“ erzählt hatte und mich bat, sie in die Welt zu tragen. Ja, mein Wichtelfreund hatte mir damit ein wunderschönes Geschenk gemacht, über das ich mich nun freuen konnte. Das Flackern der Kerzenflamme, gepaart mit der durchs Fenster einfallenden Morgensonne, schien die Gesichtszüge meines Wichtelfreundes zu beleben. Einen Augenblick musste ich lächeln bei dem Anblick, obwohl ich wusste, dass ich das Vergangene nicht mehr ungeschehen machen konnte. Doch die Freude an unsere Gemeinsamkeit drang aus meinem Herzen und da verstand ich was mein Wichtelfreund gemeint hatte, als er sagte: „Ich werde gehen ohne dich zu verlassen“. . .

Hiermit verabschiedet sich vom geheimnisvollen Nordhessen

 

 

Echse – Kapitel 5

Eine andere Perspektive – eine andere Wirklichkeit.

Mit frohem Herzen ging ich in der Nachmittagssonne los. Den Blick auf die Echse vom Elfenberg gerichtet, wanderte ich ohne Hast und Eile auf den mir bekannten Wegen und Pfaden. Vorbei an meinen Baumfreunden, Wiesen und Büschen, um schließlich im schattigen Wald, bergaufwärts meinem Ziel entgegen zu streben. Ich fühlte mich freudig erfüllt und leichtfüßig. Während ich mit meinen Empfindungen immer tiefer in die Natur eintauchte, sah ich vor meinem inneren Auge noch einmal alle Begebenheiten, die mich in den letzten Monaten so sehr beschäftigt hatten. Ich betrachtete alles wie einen Film und musste manchmal lachen, wenn sich mir meine ehemaligen Angstbilder zeigten.

Die Echse, dieses imposante Basaltgebilde, welches ich von meinem Fenster aus täglich vor Augen hatte und mich nun, anstatt mich zu ängstigen, irgendwie magisch anzog. Einen kurzen Augenblick hielt ich inne, stand urplötzlich still. Wenn dies jetzt vielleicht doch ein hinterhältiger Trick dieses scheinbar versteinerten Reptils ist, fragte ich mich?  Waren alle bisher erlebten Befürchtungen und Ängste mit diesem uralten Echsenwesen wirklich nur meine eigenen Hirngespinste?  Was, wenn die Birkenfrauen sich geirrt hatten oder mir auch nur, als heimliche Verbündete mit der Echse, mich in Sicherheit wiegen wollten?  Was würde dann wohl geschehen, wenn ich bei den Elfensteinen angekommen, diesem überdimensionalen Reptil begegnete? Kaum auszudenken….

Furcht befiel mich augenblicklich und wenn nicht die Sonne so freundlich durch die Bäume gestrahlt hätte, wäre ich sicher sofort wieder umgekehrt. Ich brauchte ja garnicht weiter zu gehen, dachte ich. Noch war ich nicht oben am Berg, hatte also im Schutz des Waldes die Möglichkeit mich zu verstecken. Mein Herz pochte ganz stark und meine Glieder schienen bei all den Gedanken wie gelähmt.

Ein Habichtschrei riss mich aus meinem Gedankenkino und löste meine Erstarrung. Danke murmelte ich langsam weitergehend. Irgend etwas in meinem Inneren ließ mich automatisch vorwärts streben. Bedächtig setzte ich Fuß vor Fuß, diesem inneren Antrieb folgend, während meine Augen aufmerksam den Wald durchstreiften. Mit jedem Schritt wurde mir auf einmal wieder wohler. Die Befürchtungen verschwanden letztendlich durch die Erinnerung an meinen Traum.

Dort hatte ich mich so inniglich befreit und geschützt gefühlt bei der Empfindung, mit dem tonnenschweren Basaltgebilde vereint zu sein. Wieder musste ich lächeln, nein lachen musste ich und zwar laut. So laut, dass es im Wald um mich herum widerhallte, so als würden alle Bäume um mich herum mein Lachen erwidern. Erneut musste ich anhalten, um mich lachend auf der Baumwurzel einer mächtigen Buche niederzulassen. Lachtränen kullerten mir über die Wangen und ich kriegte mich kaum ein vor Glucksen, Kichern und erneut wiederkehrenden Lachsalven, welche scheinbar von allen Waldbewohnern wiedergegeben wurden. Wenn noch andere Wanderer mich gehört hatten, mochten sie wohl denken, dass da ein Irrer im Wald herum tobte, den vielleicht ein Kobold oder ein Wichtel geneckt haben könnte…

Langsam beruhigte ich mich, stand wieder auf und ging weiter bergan. Immer wieder schüttelte ich den Kopf, weiter kichernd und leise vor mich hin lachend. Diesen unfassbaren Zustand konnte ich mir nicht erklären. Schlimmer noch, wenn ich darüber nachdachte musste ich über meine Idee eine Erklärung zu finden lachen, was mich erneut lachen ließ. Scheinbar war ich völlig verrückt geworden, aber das war mir geradezu völlig egal. Hauptsache egal, dachte ich und schmunzelte vergnügt vor mich hin…

So kam es, dass sich die Sonne langsam nach Westen neigte, als ich aus dem Wald heraustrat. Das mächtige Basaltgebilde, zu dessen Füßen ich nun stand, erstrahlte im Glanz der untergehenden Sonne. Welch ein wunderbarer Augenblick. Ehrfürchtig verharrte ich eine Weile, um mich dann noch achtsamer als bisher, an den Aufstieg zu machen.

Angekommen war ich, der Echse so nah, wie man ihr näher nicht kommen konnte. Jetzt wollte ich sie besteigen, ganz egal was auch immer geschehen würde. Selbst wenn sie sich mit mir in die Lüfte erheben, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, ich wollte es gewagt haben, dachte ich. Über den Echsenrücken stieg ich, Stufe um Stufe über die dicken Basaltadern, welche treppenartig angeordnet waren. Auf einem Plateau, hinter dem Echsenkopf angekommen, ließ ich mich nieder und genoss den atemberaubenden Ausblick. Hier ist der Himmel offen, empfand ich. „Schau in die Welt“, dröhnte eine erztönende Stimme in mir. Ergriffen schaute ich über die Täler und Höhen unter mir, während ich mich langsam im Kreis drehte. 

Ich konnte das Haus sehen, aus dessen Fenster ich tagtäglich hierher schaute und musste schmunzeln. Ja die Echse und die Ängste, die ich mit ihr verband… Ich schaute zum „Großvater“ Dörnberg, ließ meinen Blick weiter schweifen zum kleinen Dörnberg über die Hochebene, hinter der sich am Horizont farbenprächtige Bilder zeigten. „Die Farben der Wirklichkeit“, entfuhr es mir. Ja, das waren sie, welche die untergehende Sonne, hier in den Himmel malte.

Ich setzte mich zwischen die warmen, sonnengetränkten Basaltadern und erfreute mich aus tiefstem Herzen an den Himmelsbildern, welche sich mir darboten. Tiefe Stille, gepaart von einem inneren Frieden, durchdrang mich. Als die Sonne nun langsam, sich als glutroter Ball hinter einem Berg am Horizont versteckte, ließ ich mich einfach nach Hinten sinken. So lag ich auf dem geronnenen Erdblut, den dicken Basaltadern, welche mich mit ihrer gespeicherten Lebenswärme wohlig betteten.

Ich blickte in den azurblauen Himmel, der zunehmend sein Himmelsblau veränderte. Ich gewann den Eindruck, in den Kosmos zu schauen, die Ewigkeit zu ergründen und in mir spüren zu können…

Himmlisch schön und sooo erfüllend, dass ich hier nicht mehr weg wollte. Einfach nur liegen, verbunden mit diesem Bergjuwel, welches ja scheinbar ein Echsengebilde war. Ob das wohl der Ausdruck von Echsenstarre ist, in die ich verfallen war, dachte ich mir, leise in mich hineinlächelnd. Es war mir völlig egal, was meine Gedanken dachten. Ich war in diesem Wohlgefühl des sprichwörtlichen „Jetzt“! Nichts und niemand kann mir diesen Augenblick der Allverbundenheit nehmen oder gar stören, wusste ich. Ich war einfach nur ich, und doch war ich Alles…

Langsam schimmerten die ersten Sterne am Himmel. Noch verhalten, als müssten sie sich erst herausputzen aus dem Dämmerlicht, um dann blankgeputzt am Nachthimmel strahlen zu können. Immer noch lag ich und erblickte aus meinem Augenwinkel den Vollmond, welcher sich langsam heller werdend auf die Reise machte. Ich wusste, dass er, wenn man im Tal stand, langsam am Dörnberghang empor zu rollen schien, um sich oben angekommen, kurzweilig auf dem hohen Dörnberg auszuruhen. Ich richtete mich auf, schaute in die Sternenkuppel, welche sich über mir gebildet hatte, mich wie das Dach eines Domes überspann. Dankbar im Herzen und voller Freude begann ich Fuß vor Fuß setzend, den Abstieg. Ich musste auf allen Vieren mich langsam tastend an den Basaltadern entlang orientieren. Das Mondlicht erhellte die Basalttreppe gerade so viel, dass ich nicht die Orientierung verlor.

Am Fuße der Basaltkuppe angekommen verharrte ich einen Augenblick, während meine Lippen ein Lied in den lauen Nachtwind summten. Ich fühlte mich ganz und gar allein auf der Welt mit diesem, meinem Bergschatz und doch so erfüllt. Als wären alle Wesen dieser und anderer Welten anwesend und wollten sich mit mir erfreuen….

Ich ging langsam tastend nach links in Richtung Dörnberg, lief sozusagen dem Mond hinterher. Ja, Mondfangen wollte ich spielen. Das, was ich schon immer in meiner Kindheit in den klaren Vollmondnächten gemacht hatte. Aus dem Fels heraustretend lief ich im Mondlicht erst den Wiesenhang hinunter und in der Senke angekommen, langsam auf der anderen Seite hinauf. „Fangen werde ich dich, wenn du nicht schnell genug bist“, rief ich lachend dem Mond entgegen.

Wie ich so rannte und auf einmal prustend vor Lachen und außer Atem an einem Basaltblock verweilen musste, drehte ich mich um. Ich schaute zurück zu der Basaltechse, welche mich so wohlig auf ihrem Rücken gewiegt hatte. Was sich nun meinem Anblick darbot, überstieg mein Vorstellungsvermögen. Wiederrum musste ich lachen und das mit solch einer Intensität, dass es von den Steinen widerhallte. Wie ein sich wiederholendes Echo, das in mir und um mich herum erklang. Es war so, als wenn alles um mich herum dieses , mein Lachen lachte und immer wieder von neuem damit begann. Im langsam abebbenden Lachgeplätscher, welches wie ein sanft fließender Bach zu Tal rann, staunte ich das Steingesicht an, welches seine Konturen im Mondlicht ruhig, sanft spiegelnd entfaltete.

Eine Sphinx dachte ich. Ja dieser anmutig erscheinende Frauenkopf, mit dem Blick gen Himmel gerichtet, der reglos, scheinbar starr und im Mondlicht dennoch so bewegt erschien. Unglaublich und dennoch wahr, Eine ganz andere Wirklichkeit, die mir hier entgegentrat. Da war keine Echse. Hier aus dieser Perspektive hat es nie eine Echse gegeben, wusste ich. Dennoch war der Anblick aus meiner Fenstersicht zum Elfenberg nicht falsch. Nein – es war nur eine andere Wirklichkeit, die ich erfuhr, auf Grund einer anderen Perspektive. So war also die Welt, folgerte ich. Eine andere Sichtweise – eine andere Form und damit wiederum andere Empfindungen… Noch lange saß ich völlig verzückt durch die Geschehnisse und Empfindungen da.

Mond und Steingesicht

Der Mond war über den Dörnberg hinweg gerollt und stand nun hoch oben am Himmel. Majestätisch blickte das Steingesicht mit einer solchen Anmut zum Himmel, als wolle es sich beim Mond bedanken, der es so vortrefflich beleuchtete. Ich erhob mich und ging langsam, tastenden Schritts auf das Steingesicht zu.

Ich erinnerte mich an meinen Traum, in dem ich am Fuße des Felsens gestanden hatte. Jetzt war ich hier, ebenfalls am Fuße dieses wandelbaren Steingebildes, das sich von einer Echse in eine Sphinx verwandeln konnte. Ich betastete im Mondlicht die Furchen zwischen den Steinen und fand eine Steinmulde, genau in Kopfhöhe. Die Mulde war so tief, dass mein Kopf ganz im Basaltgestein eingebettet war, als ich mich mit meiner Stirn anlehnte. Nun erfuhr ich wiederholt, wie ich schon aus meiner Traumerfahrung wusste, die tiefe Verbindung mit diesem überdimensionalen Mineral.

Eingebettet, umschlossen, innig verbunden mit diesem ur-uralten tonnenschweren Steinwesen. Ja, einen Augenblick lang hatte ich den Eindruck, ich sei ganz Stein, ein kleiner Teil, wie ein Kind dieses Basaltfelsens, der die Sonnenwärme gespeichert hatte und mich wohlig warm in sich hielt. Es war wie ein Geburtsakt. Ich emmpfand, als würde mich dieser überdimensionale Stein gebären.

Langsam, ganz langsam, wie von einer langen Reise zurückkommend, nahm ich die Dinge wieder um mich herum war. Das silberglänzende Mondlicht, die goldfunkelnden Sterne am Himmel, zu dem ich an dem Steingesicht empor, aufblickte. Der laue Wind summte eine Melodie und ich stimmte ein, immer noch verzückt dastehend. Wie lange ich da stand, bis ich mich endlich an den Abstieg machte , weiß ich nicht mehr. Ich merkte nur, dass es zu dämmern begann, als ich auf dem Rückweg in den Wald eintrat. Die zunehmende Morgenröte schimmerte mir durch die Bäume entgegen. . .

Echse – Kapitel 4

Frühling zieht ein, in die Natur. Ganz plötzlich erstrahlt alles im wärmenden Sonnenglanz. Es ist ein Tag, als hätte der Himmel die Erde geküsst. Ich gehe über die Wiese, aus der die Kraft der Natur mich förmlich anzuspringen scheint. Halme und Blumenköpfe recken sich, bereit sich dem Licht zu öffnen. Das sanfte Grün, der sich entfaltenden Knospen an den Zweigen, rief mich. Es sind die Birkenfrauen, welche mich magisch anziehen. Wie die „Holden“ einst ihre Geliebten zur geistigen Vermählung riefen, folge ich diesem inneren Ruf, den mir die Birken in ihrem Frühlingsschmuck senden. Wie betört, fast trunken vor wonniger Empfindung, eile ich den beiden Birkenfrauen entgegen, die mir, anmutig weiß gekleidet, ihre grün geschmückten Zweige entgegen recken . . .

Ein flüchtiger Blick aus den Augenwinkeln erfasst die Echse oben am Berg. Majestätisch thront sie da im Sonnenlicht, als würde sie über das sich Entfaltende zu ihren Füßen, gebieten. Ich habe gerade keine Zeit mich vor ihr zu ängstigen, rufen mich doch verheißungsvoll, die beiden Birkenschwestern.

Etwas atemlos wegen des forschen Schritts, stehe ich nun vor ihnen, höre sie säuseln und raunen. Komm Geliebter meines Herzens, scheinen sie wie aus einem Mund zu sprechen. Setz‘ dich zwischen uns, lehne dich an und lass dich, so tönt es, wie aus meiner Seele gesprochen in mir. Wir haben deinen Kummer und deine Sorge vernommen. Über all die kühlen Monde der letzten Monate haben wir deine Angst gespürt. Nun ist die Zeit der Freude und Lebensleichtigkeit gekommen, die wir mit dir teilen wollen. Ihre silbrig-weißen Birkenleiber glänzen anmutig schön in der Morgensonne. Mit einem Seufzer lasse ich mich zu ihren Füßen ins Gras sinken, lehne mich an und lausche.

Wir haben Deine Gespräche mit den Baumfreunden, Zweigesicht und Apfeldrache, vernommen. Wir haben deine Not gespürt, die dich durch deine unbeantworteten Fragen belastet. Komm zur Ruhe bei uns und fühle in dich hinein, vielleicht können wir dir helfen. Oh ja, das wäre wohltuend, sage ich, während die Erinnerung meine Angst vor der Echse wachruft. Was macht die Echse mit dir?, höre ich die Birken fragen. Sie macht mir Angst. Eigent lich macht sie gar nichts schlimmes mit mir. Ich habe nur die Befürchtung, dass etwas Drohendes von ihr ausgeht, und ich nicht weiß, wie ich dem begegnen könnte, sage ich. Ich habe doch erlebt, was dieses Echsenmonster kann, das so scheinbar regungslos in der Landschaft sitzt. Sie kann sich verwandeln. Sie kann Allerorts sein, wenn sie will. Und sie ist sehr lebendig, wenn dies auch für die meisten Menschen nicht den Anschein hat. Am Schlimmsten erscheint es mir ist, dass die Menschen hier in der Region gar nichts von all dem Wissen und es sie auch scheinbar nicht interessiert. So stehe ich allein mit dem Wissen und den Erfahrungen da, fühle mich einsam und verlassen. . .

Wir sind hier bei dir, kommen die tröstenden Worte zurück. Wir und alle Naturwesen wissen darum. Nur erleben wir keine Furcht. Uns ängstigen die Vorgänge in der Natur nicht. Wir sind Ausdruck der Natur, genau so wie du. Genau wie ich?, höre ich mich zweifelnd fragen. Fühle ich etwa Angst und Belastung nur, weil ich mir darum Gedanken mache? Wenn ich dann auch noch versuche, etwas Unerklärliches zu erklären, in dem Glauben, Anderen etwas Bedrohendes aufzeigen zu müssen, dann mache ich mir also nur selber Angst…?

Finde dich in Deiner Kraft, dort kommst du zur Ruhe, säuseln ermunternd die Birken, während ihre Zweige im sanften Windhauch über mich hinweg fächeln. Der mildwürzige Frühlingsduft und die beruhigende Kraft der Birken lassen mich in einen tranceähnlichen Zustand fallen. Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge in meiner Kindheit. Dort, auf einer Maiwiese, mit duftenden Himmelsschlüsseln und Wiesenschaumkraut übersät, sitze ich im Gras. Mit diesem verinnerlichten Bild und dem sanften Raunen der Birken, sinke ich in einen leichten Morgenschlummer:

Glänzendes Mondlicht bestrahlt die Echse am Berg wie ein überdimensionaler Scheinwerfer. Mein Blick auf dieses Bild gerichtet, gehe ich federnden Schrittes vorwärts. Ohne zögern finden meine Füße mit sicherem Tritt immer den richtigen Platz, ohne, dass ich hinschauen müsste. Um Steine herum, über Baumwurzeln und abgestorbenes Gehölz, tasten meine Füße sich gemessenen Schrittes voran. Mir ist, als würde ich an einer Leine gezogen, fast schwebend, von dem Felsenmassiv der Helfensteine angezogen. Am Echsenkopf, unterhalb ihrer dickwulstigen Basaltlippen, lehne ich mich in eine Felsmulde. Den Kopf vom Basaltgestein umschlossen, das noch die Tageswärme gespeichert hat, stehe ich da. Ich fühlte mich, als würde ich in den Basaltfelsen eintauchen, ja hineingezogen und gänzlich umschlossen werden, von diesem machtvollen Steingebilde. Ich fühle diese immense kraftvolle, wuchtige und tonnenschwere Masse, welche mich in sich birgt, wie ein Kind im Schoß seiner Mutter. Heimwärts, Ankunft empfinde ich, gestillte tiefgehende Sehnsucht. Ich erinnere mich an den ersten Augenblick der Begegnung mit den Helfensteinen vor einigen Jahren. Tief aus meinem Innern tönte eine erdige Stimme: “Hier gehe ich nicht mehr weg!” Seitdem war ich fasziniert von diesem mystisch anmutenden Ort der Kraft. Nun war ich hier, lebte und arbeitete zu Füßen dieses ehrwürdigen Wesens, das mich jetzt innig umschlungen hält und mir seine ganze Kraft offenbart …

Wie lange dieser erlösende Frühlingstraum gedauert hatte, konnte ich beim Aufwachen nicht einordnen. Eine herabfallende Birkenknospe musste mich an der Nase wachgekitzelt haben. Mit den letzten Traumbildern kam mir der Gedanke in den Sinn. Wie kann ein solches Wesen, solch kraftvolle Ausgeburt von Mutter Erde, etwas Bedrohliches sein? Hier hat sich das Innere der Erde nach Außen gestülpt, geronnenes Erdenblut, erkaltet zu hartem Basalt. Ich musste lächeln wegen der Vorstellung, Angst gehabt zu haben. In meinen Ohren klang noch ein leises Lachen nach, welches die mittlerweile verstummten Birkenfrauen mir geschenkt hatten. Was für ein schöner und kraftvoller Tag dachte ich, während ich mich aufrappelte. Ich hauchte den Birken dankend, jeweils einen zarten Kuss auf den Stamm und machte mich auf den Heimweg. Einen Blick warf ich vorher noch zu der Bergechse, deren sonnenstrahlgetränktes Echsenauge freudig zurückblitzte. Ihre schwarzwulstigen Basaltlippen glänzten zart schimmernd im Sonnenlicht, als hätte sie einen Lippenstift aufgetragen, was ihrem Mund ein sanftes Lächeln verlieh . . .

 

Echse – Kapitel 3

Noch ruht sie, starr, scheinbar reglos nach Süden blickend. Im grauen, kalten Wintermorgen zeichnet sich ihre Struktur aus dem Dunst am Horizont. Die schwarzwulstigen Lippen, dem Himmel zum Kuss dargeboten, bilden einen fast erotisch anmutenden Kontrast zur weißen Schneemütze, welche sie tief über ihre Ohren gezogen zu haben scheint. Grauer Morgen, still, fast unheimlich, wie ein gefrorenes Bild. Baum- und Buschgerippe weisen in verschiedene Richtungen über die schneebedeckten Wiesen und Wege. Noch scheint alles unberührt. Keines Menschen Schritt betrat bisher die Stille und die weiße Decke, welche wie ein weißes Linnen über allem liegt. Nur die vereinzelten Abdrücke einiger Tierboten künden vom Leben in der frostigen Natur.

Ich sitze wohlig warm eingepackt am Fenster und genieße die Winterstimmung. Meine Gedanken versuchen dieses bizarre Steingebilde hoch oben am Waldessaum zu erkunden. Da schiebt sich fast unmerklich eine Dunstwolke, wie aus dem Nichts entstanden, vor das Echsengebilde. Sie will sich vor mir verstecken, weil ich ihr langsam auf die Schliche komme, sage ich mir. Meine Gedanken purzeln mit einmal durcheinander. Was sie jetzt wohl wieder vorhat? Ob sie sich jetzt, unbemerkt und aller Blicke entzogen, verwandelt? Ja, das ist wieder eines ihrer Schabernackspielchen, welches sie in der Dörnbergregion treibt. Sicher ist sie längst weg von ihrem angestammten Platz, zu dem ich immer noch unentwegt hinstarre.

Wahrscheinlich hat sie sich auf und davon gemacht, liegt irgendwo auf einer der Talwiesen auf der Lauer, um einsame Wanderer zu erschrecken…

Was kann ich nur tun, um die Menschen der Region und die Besucher des Naturparks Habichtswald zu warnen? Wie kann ich ihnen die Umtriebe der Echse nahebringen? Was könnte der nächste Schritt sein, dieser Echse vom Elfenberg, ein für alle mal ihr schändliches Handwerk zu legen, sie zu überführen, indem allen Menschen endlich bewusst wird, was da am Elfenberg vor sich geht? Seit Jahrhunderten, nein seit Jahrtausenden neckt dieses, scheinbar in Echsenstarre gefallene Gebilde, die Menschen und alles was sich rund um den Hohen Dörnberg bewegt. Necken ist noch der gelindeste Ausdruck für dieses Reptilverhalten. Angst und Schrecken hat sie sicher früher schon verbreitet. Wer weiß, welche Grausamkeiten die Echse schon begangen haben mag, die dann, in Unkenntnis um ihre wahre Natur und ihres Wirkens, anderen zur Last gelegt wurden. Sicherlich haben, die oft in alten Märchen und Sagen erwähnten schlimmen Dinge, in Wirklichkeit etwas mit dieser, sich vielleicht in alle Wesensarten verwandelnde Echse zu tun. Ja, so musste es sein! Ganz sicher, sagte ich mir in Gedanken.

Da, in diesem Augenblick lösen sich einige Eisblumen an meinem Südwestfenster auf, beginnen langsam zu schmelzen. Roter Hauch überzieht die Dunstschwaden da draußen. Welches Geräusch war das ? Lauert dieser Echsendrache wohl schon vor meinem Fenster, an die Hauswand gelehnt, mich einschüchtern wollend? Bestimmt ist es der heiße Atem dieses Reptils, der die Luft rosig färbt und die Eisblumen am Fenster schmelzen lässt. Oh Gott, was kann ich jetzt noch tun? Welche Chance habe ich, diese Auseinandersetzung mit diesem übermächtigen Echsenwesen zu überstehen….?

Klirrendes Lachen, welches in ein zischelndes Gesäusel übergeht, gefolgt von einem alles durchdringenden Donnerschlag, beendet jäh meinen Gedankenfilm! Erschrocken blicke ich wieder zur Anhöhe auf den Berg. Da thront sie – die Echse, majestätisch wie eh und je. Vom rosigen Dunsthauch der Morgensonne umgeben. Das Echsenauge strahlt und funkelt mich an. Um ihre schwarzwulstigen Basaltlippen scheint ein Lächeln zu spielen, das auf mich irgendwie ermunternd wirkt. Wow – gerade noch mal gut gegangen, denke ich mir . Jetzt erst merke ich wie angespannt ich während meines Kopfkinos dagesessen habe. Ein Haselzweig vor meinem Fenster streift etws Schneelast ab, nickend, als wollte er mir mitteilen, das alles vorbei ist. Ruhe ist eingekehrt und der Morgen wirkt wieder friedlich wie zuvor. Nur wesentlich lebendiger…

Das Licht, ja das alles belebende Sonnenlicht musste es sein. Diese wohlig, lebendige Wärme, die uns seit Menschengedenken umgibt und erfüllt. Behaglichkeit macht sich in mir breit. Oh wie schön empfinde ich diesen Augenblick meines Daseins. Die Echse am Horizont erscheint mir ebenso schön – einfach malerisch. Ich beschließe sie zu malen, ihren winterlichen Ausdruck festzuhalten, um diese Morgenstimmung mit anderen Menschen teilen zu können…

 

 

 

Die Echse . . . Kapitel 2

In der endlos erscheinenden, fast schlaflosen Nacht, wälze ich mich im Bett. Der Vollmond äugt durchs Fenster, als wolle er erkunden, was ich mache. Die Gedanken über das Zwiegespräch mit der Echse vom Elfenberg beschäftigen mich, seit unserer wundersamen Begegnung. Ob der Mond mich beobachtet, wohl im Dienst der Echse mich auskundschaftet? Der Echse ist alles zuzutrauen. Auch dass Sie Macht über den Mond haben könnte oder zumindest zeitweilig. Vielleicht haben Sie auch eine Allianz geschlossen, meine Absicht die Menschen aufzurütteln und aufzuzeigen, was auf geheimnisvolle Weise hier in der Region tatsächlich geschieht, zu vereiteln. In meinen Wachtäumen fühle ich noch das Erstarren in mir, welches die Echse durch ihren lebendigen Anblick, ausgelöst hatte. Ihr hämisches Lachen, Zischeln und Kichern wirkt noch in mir nach. Würde ich wohl Macht ihrer Laune.- in Echsenstarre verfallen – wenn sie es darauf anlegte, frage ich mich zum wiederholten Male und verfalle in einen traumlosen Schlaf.

Morgendämmerung dringt durchs Fenster, weckt mich jäh, meine Erinnerungen wachrufend. Die Echse… – ich muss sie fragen die Naturwesen, hinausgehen und erkunden ob ich Verbündete gewinnen kann.

So scheinbar aussichtslos wie mir das Unterfangen erscheint, eine Auseinandersetzung mit der Echse lebend überstehen zu können, mache ich mich dennoch auf den Weg.

Zweigesicht! Baumfreund und Wächter des Wiesentals“, rufe ich in den dämmernden Morgen. Über Grasbüschel und Maulwurfshügel stolpernd eile ich zu ihm. Sein Lachgesicht scheint sich bei meinem Anblick köstlich zu amüsieren, während das Stummgesicht mich ernsthaft anblickt. „Du wirkst sehr aufgeregt. Was hast Du“, fragt mich das uralte weise Baumwesen. „Die Echse, da vom Berg“, stammele ich. „Ich muss etwas über sie erfahren. Kannst du mir helfen?“ Schweigen breitet sich aus, eine fast unerträgliche Stille, die nur einen Augenblick und doch so unendlich lang anhält. Zweigesichts Zweige säuseln im lauen Morgenwind, während der Antwort.

Ich habe seit ich hier bin, schon mehrere Menschengenerationen aufwachsen und auch wieder vergehen sehen. Dennoch bin ich als Teil des stehenden Volkes, wie wir Baumwesen von der Natur benannt werden, ein Baby im Vergleich zu den Mineralwesen. Die Echse, erstarrter Basalt, geronnenes Erdenblut, ist und bleibt auch für mich ein großes Geheimnis, das zu lüften ich nicht imstande bin.

Zu alt ist sie. Sie war schon da, bevor es Lebewesen wie mich und dich gab. Was ihre gelegentlichen Umtriebe anbetrifft, ist sie zudem noch eine jener Ausnahmen, die wohl als ewiges Geheimnis betrachtet werden können. Die Äste meines Baumfreundes ächzten von einer plötzlichen Windbö gepackt jä auf, um sich mit einem fächelnden Seufzer wieder zu beruhigen. Stille umgab mich.

Das anhaltende Schweigen deutete mir das Ende unseres Zwiegesprächs an. Verzweifelt und etwas enttäuscht stolperte ich weiter über die Wiese, nur etwas langsamer. Wie und wo konnte ich denn jemanden oder etwas finden, was mir Aufschluss geben konnte?

Im Blinzeln der aufgehenden Morgensonne leuchtete mir ein gelbrotes Auge meines geliebten Baumdrachens entgegen. Bedächtig wiegte der Baumdrache seine Zweige, während mir seine sonnengetränkten Apfelaugen erwartungsvoll entgegenfunkelten. „Was lässt dich an deinem Menschenmorgen so aufgeregt in die Welt stolpern?“ flüsterte er mir entgegen. „Die Echse, die da droben am Berg“, sagte ich keuchend atmend und erzählte, was mir Zweigesicht mitgeteilt hatte. Andachtsvoll stellten und legten sich die Blätter meines Baumdrachenfreundes in den Zweigen.

Leise schüttelnd warf er mir einen seiner Augäpfeln vor die Füße, während mich seine anderen Apfelaugen durchdringend glitzernd in der Morgensonne, ansahen.

Schau wie jung ich im Vergleich zu Zweigesicht bin. Eine zufriedenstellende Antwort kann ich dir nicht mit auf den Weg geben. Nimm meinen Apfel als Geschenk des Tages. Setze dich hier am Wegesrand, an meinen Stamm gelehnt, wie es die Wanderer gerne tun hin und geniesse ein Apfelfrühstück in der Morgensonne. Dies gibt dir Kraft für den Tag und Lebensfreude dazu. Du wirst die Süße des Lebens schmecken können, wenn du bedächtig kaust“, meinte Baumdrache lächelnd. Das tat ich denn auch, denn ich fühlte tatsächlich Hunger. Bei der genussvollen Apfelmahlzeit unter dem sanft raschelnden Blätterdach wurde mir augenblicklich wohler. Ich spürte die Lebenswärme in mir und die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Zufriedenheit stellte sich ein und fast hätte ich die Echse vergessen, wenn sie sich nicht nicht, sonnenbeschienen am blauen Morgenhimmel, gezeigt hätte.

Ja, da war sie wieder, wie eh und je. Eigentlich sollte ich mich doch mittlerweile an ihren Anblick gewöhnt haben, dachte ich. Tagtäglich schaute ich durch mein Fenster zu ihr, wenn ich auf die malerischen (H)Elfensteine blickte. Ich fühlte wieder welche Magie von diesem Basaltsteinwunderwerk ausging. Hatte mir da nicht gerade ein Echsenauge in der Morgensonne zugezwinkert?

Ich musste Lächeln. Natürlich trieb sie, die Echse ihren Schabernack mit mir. War ich doch durch meine Aufmerksamkeit und Hinwendung ihr gegenüber, zu einem geradezu bereitwilligen Opfer geworden….. So weit – so gut, dachte ich heimwärtsgehend. Aber irgendwie werde ich schon noch mehr erfahren und sicherlich auch irgendwann dahinterkommen, was es mit diesem geheimnisvollen Echsenwesen auf sich hat…

Die Echse vom Elfenberg

Wie ein Torwächter sitzt sie, gen Süden blickend, ein Auge auf den hohen Dörnberg gerichtet, das andere in die weite Ferne, über Kassel hinweg Berge und Täler betrachtend. Scheinbar erstarrt, Geologen sprechen von Basaltklumpen – als ehemalige Schlote – mit dem Erdinnern verbunden. So kennen sie die Menschen der Region, die von nah und fern kommend, die mystisch anmutenden (H)Elfensteine aufsuchen. Viele Besucher wissen von den sagenumwobenen Geheimnissen des alten keltischen Kultorts nichts oder nur wenig. Sie kommen, weil sie sich irgendwie angezogen fühlen von diesem magischen Ort, einfach um zu entspannen, die Natur zu genießen und die Gegend durchwandernd zu erkunden. Manche kommen gezielt zu diesem Ort und wählen bestimmte Kraftplätze für ihre Rituale, sei es – um sich nur in Stille meditativ zu verbinden oder singend, trommelnd, flötend von dem überragenden Platz, in die Welt zu tönen.

Die Echse scheint das nicht zu interessieren. Sie ist so alt, hat schon so viele Menschengenerationen erlebt, kommen und gehen sehen… Sonderbarerweise scheint sich aber doch irgend etwas lebendiges, wandelbares in ihrem nach außen versteinert wirkenden Wesen zu befinden. Denn je nach Tageszeit, Sonnenlicht und Perspektive, kann der Betrachter eine vielfältige Verwandlung erkennen. Dies gelingt aber nur denjenigen, die einen Blick für die Anderswelt, jenen innewohnenden Bereich der Imagination und Zauberkraft, kultiviert haben oder sich zumindest zeitweilig von der oberflächlich, fokussierenden Betrachtung befreien können.

Einige Einheimische haben vom Dörnberg kommend schon erlebt, wie sich dieses Echsengebilde in eine Sphinx verwandelte, welche nordöstlich über Kassel und die umliegenden Gemeinden über Täler und Höhen, in die weite Ferne zu blicken scheint. Da dies für die Menschen der häufigste Anblick ist, hat man diese Basaltformation der Helfensteine, Sphinx genannt. Nur wenige Auserwählte wissen, dass dieses sich in Echsenstarre befindliche Gebilde ein Relikt aus alter reptiloider Zeit ist. Ein Feuerdrache, der sich hier vergraben hat, scheinbar reglos und starr, versteinert. Ich glaube, dass bis jetzt kaum jemand bemerkte, wie und wann dieses Reptil sich aus seiner Erstarrung löst und lebendig wird. Das ist eben jenes große und tiefgründige Geheimnis, welches wohl so alt ist, wie die Menschheit selbst oder gar noch viel, viel älter…

Das Echsenmaul mit seinen dickwülstigen Lippen, wirkt schon sehr beeindruckend vor allem, wenn bei Mondlicht oder nebelhafter Umwölkung, die Szenerie von zischenden, rasselnden schwer-atmenden Geräuschen begleitet wird. Immer oder zumindest meistens, wenn den Dörnberg dicke Nebelschwaden umwallen, entzieht sich der Anblick der Helfensteine dem menschlichen Auge. Die Echse gebietet mit ihrer Macht den Nebelgeistern, welche dann auf ihr Geheiß dafür sorgen, dass die Echse mal wieder unbeobachtet einen Ausflug unternehmen kann. Sie ist dann, wie auch meistens nachts, und vor allem in den finsteren Neumondnächten, in der Region unterwegs und treibt ihren Schabernack mit Alljedem.

Während ihrer Abwesenheit erscheint, illussionär für das menschliche Auge, so etwas wie ein virtueller Platzhalter an ihrem angestammten Platz an den Helfensteinen. Als ich der Echse bei einem ihrer Ausflüge des Nachts begegnete fragte ich sie, wie sie es denn mache, dass der Eindruck entstünde, sie wäre nach wie vor fest an dem Ort der Helfensteine verankert, wo ich sie doch hier im freien Gelände, einige Kilometer weit entfernt von ihrem eigentlichen Platz anträfe. Die Echse lachte nur hämisch und zischelte in ihrem typischen Echsenjargon: Ihr Menschen seid einfach zu dumm die Wirklichkeit der Dinge und Wesen zu begreifen. Geh‘ nur hin und erzähle deinen Artgenossen was du gerade erlebt hast. Sie werden dir niemals glauben.“ Mit diesen Worten, die tief in meinem Innern widerhallten wie ein sich wiederholendes Echo, löste sich die Echse vor meinen Augen auf… Ein leiser werdendes Kichern, Knarren und Rasseln begleitete ihr Verschwinden…

Frühlingsauferstehung…

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“. . .  Jetzt, nachdem das Oster(Un)wetter vorbei ist und der Frühling sich so langsam in die Natur schleicht, können die Frühlingsgefühle kommen. Die Sonne strahlt derweil mild lächelnd am Himmel (wenigstens zeitweise) und sendet schon warme Strahlen. Da muss sich doch das Gemüt erhellen und die Lebensfreude wieder zunehmen.

Nicht dass ich ein besonders trauriger oder depressiver Mensch wäre und mein Wichtelfreund schon garnicht. Dennoch lässt die Frühlingsstimmung in uns etwas wachsen, was nach draußen drängt, sich offenbaren wollend. Scheinbar ist, wenn auch mit etwas Verzögerung, die frohe Osterbotschaft in uns angekommen. Freude macht sich breit und mit jeder neuen Blüte und all den Blumen, die gerade so mannigfaltig aus dem Erdboden schießen, verstärkt sich diese Empfindung.Frühl-Blum-Wicht1

Etwas friedvolles liegt im Ausdruck der Natur, welche sich üppig zeigt und Wichtel Helferich, wie auch mich, tief im Innern berührt und befriedet. Obwohl in vielerlei Ländern auf unserer Erde Krieg, Schrecken und unsagbares Leid herrscht und das Mitgefühl Aller diesbezüglich enorm strapaziert wird. Dennoch wird dieser Augenblick der Freude durch das Betrachten der Naturentfaltung mit all ihrer Blütenpracht, nicht gemindert.

Mein Wichtel hat mir augenzwinkernd versichert, dass dies keineswegs ein Ausdruck von gefühlsmäßiger Abstumpfung sei, sondern einfach kindlich empfundene Lebensfreude. Wie Kinder, die über die bunte Blumenwiese rennen, kraftvoll in die Welt lachend ihre Lebenskraft ausdrücken und sich vor Freude nicht mehr einkriegen wollen. NaturwFrühl-Kateresen wie Elfen, Wichtel, Kobolde und Trolle kennen keinen anderen Zustand versicherte mir mein Wichtelfreund. Nur wir Menschen würden unter uns selbst leiden, meinte er verschmitzt lächelnd.  Und das Ganze käme nur daher, weil sich die Menschen von der Natur getrennt hätten, oder zumindest sähen…

Das musste ich mir erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Was bin ich also nur für ein doofer Spezi einer solch begnadeten Rasse, die sich mit ihrem Verhaltensmuster selbst in Bedrängnis bringt. Und das auch noch in vielerlei Hinsicht. Ob in Politik, Wirtschaft, Religion und gesellschaftlichem Umgang, scheinen alle mit einem Entfremdungs-Virus contaminiert zu sein, der zunehmend alle natürlichen Funktionen und Reaktionen des Menschen unterbindet… „Wie konnte das geschehen und wie konnte das nur so weit kommen?“, frage ich mich betroffen. Mein Wichtel Helferich vom Helfenstein, Freund, Gönner und treuer Lebensbegleiter tröstet mich wieder einmal. „Du musst dich nicht sorgen und schon gar keine Schuldgefühle kultivieren“, meint er. „Bleibe einfach in deinem Selbstvertrauen und in deiner Lebensfreude, damit bist du in einem liebenden und natürlichen Zustand.“

Frühl-Wicht-3Wie gut es tut solch tröstende Worte zu hören und zu wissen, so einen Freund an seiner Seite zu haben, denke ich. Ich erinnere mich an den wichteligen Auftrag, den mein Wichtelfreund mit in unsere Welt brachte. Er wollte die Menschen anregen sich wieder mit der Natur zu verbinden, sie zu ehren, hegen und zu pflegen. Dazu brachte er doch die Botschaft aus dem Wichtelland mit, welche er mit meiner Unterstützung  überall verkünden wollte…     Hört noch einmal her:

Lasst sie leben und aufersteh’n, die Welt der Sagen, der Märchen und Feen. Und bedenket immer, ihr lieben Leute – wenn ihr uns nicht vergessen habt, dann leben wir auch heute..!

Mit diesem wichteligen Aufruf, der meiner Meinung nach genau in diese Zeit der Erneuerung, der Frühlingsauferstehung passt, wünschen Wichtel Helferich vom Helfenstein und ich Euch eine ebensolch kraftvolle Lebensentfaltung wie die Natur sie derzeit bietet…

Wicht-Signat-Klein

W-Pap-Isak-Sign-Klein

Der Pfeil zum Lebensweg

„Herrlich, das passt ja wieder mal zu dir Isak. Mit diesen Worten weckst du auch etwas in den Herzen deiner Zuhörer und Leser“, sprach Wichtel Helferich mit überzeugendem Ausdruck in seiner Stimme. „Auch dein Frohsinn steckt andere an, wenn sie dir zuhören.“ Schmunzelnd antwortete ich: „Ja, genau das möchte ich auch bewirken und du lieber Wichtel hilfst mir dabei.“ „Natürlich mache ich das, aber…“, er hielt etwas inne: „aber erst muss ich noch den Schluss erfahren!“ „Aber gerne, sicher mein Lieber“, entgegnete ich wohlwollend und redete weiter…

Der Pfeil zum Lebensweg

Und wie Prinz Anmut noch über all die seltsamen Dinge nachdachte, die ihm bisher begegnet waren und noch jetzt begegneten, erblickte er am Wegrand, halb von Gras überdeckt, etwas gelb leuchtendes. Im Näher kommen erkannte der Prinz einen gelben steinernen Pfeil, der die Wegrichtung wies.

„Das ist die symbolische Bestätigung“, glaubte er aus seinem Innern zu wissen. „Der Pfeil für alle Lebenswege“, erkannte der Prinz, während er ihn hin und her drehte. Prinz Anmut spürte, dass es ihn irgendwie immer in die jeweilige Richtung der Pfeilspitze zog, egal wohin er den Pfeil wendete.

„Nun denn..“, sagte der Prinz zu sich mit dem steinernen Pfeil in der Faust, während er freudig auf sein wartendes Pferd hopste. Dieses wieherte vergnügt auf und trabte ebenso lebensfroh wie der Prinz weiter auf dem Weg zurück in die Welt. Gut gelaunt über all die schicksalhaften Fügungen und die reichlichen Geschenke, welche er erhalten hatte, summte Prinz Anmut ein Lied. Sein Pferd schlug mit seinen Hufen im Reiten den Takt und wieherte gelegentlich. Mal leiser, mal lauter, wie es gerade zu dem Lied des Prinzen passte. Prinz Anmut wusste, dass er keinerlei Abenteuer mehr bestehen musste. Dank seines „Pfeils für alle Lebenswege“ wusste er intuitiv von nun an immer, welche Richtung er nehmen musste, um dort irgendwo, wo er sein wollte, anzukommen….Knight riding towards the sunset sky dragon

Wichtel Helferich sann ebenso wie ich noch eine ganze Weile über das bisher Erlebte nach. Es war, als hätten wir all das durchgestanden, was wir über den Recken vom Zauberberg erfahren hatten. Irgendwie schien es uns, als hätte sich auch in uns eine Wandlung vollzogen. Es war zwar noch nicht klar wie oder was es war. Auf jeden Fall waren wir uns darüber einig, dass wir uns ganz tKerzenWichte-magic-horzief aus unserem Innern heraus wohlfühlten und das wir alles tun wollten, um diesen Zustand so lange wie möglich beizubehalten…

Eine andere Wirklichkeit…

Kaum hatte Prinz Anmut die Wegbiegung passiert, war irgendwie alles anders geworden. Aller Zauber, alle bisherigeWeg-Alpenpfadn Eindrücke waren plötzlich am Verblassen. Der Prinz wandte sich um und konnte auch keine Helfensteine mehr sehen. „Unglaublich“, entfuhr es ihm. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, murmelte er. Der Prinz wunderte sich, wie all das, was er mit solch einer kraftvollen Intensität wahrgenommen hatte, fast verschwand, sobald er es nicht mehr vor Augen hatte.

„Ob es anderen Menschen manchmal auch so ergeht“, fragte sich der Prinz? Da, wie zur Erinnerung an das vorherige Geschehen mit all seinen zauberhaften Empfindungen, lag ein etwa faustgroßes steinernes Herz vor ihm auf dem Weg. Der Prinz stieg von seinem Ross und beschloss hier eine kleine Rast einzulegen, bevor er seinen Weg zurück in die Welt, aus der er gekommen war, antrat.

Das Steinherz war eine Mischung aus Basalt und Tonschiefer, vielleicht auch Muschelkalk, wie die Beschaffenheit des Weges hier in der Gegend. Es passte, wie dafür angefertigt, exakt in die Mulde seines verbeulten, ausgedienten Kampfschildes, dort wo sich einst der Zauberkristall befand. Ein kurzer Fausthieb und das Steinherz war eingepasst, so als sei es von einem Schilderschmied dort eingeschweißt worden. Ein dumpfes, herzschlagartiges Plopp war beim Einschlagen des Steinherzens ertönt. Es klang fast, als wolle es wieder zu schlagen beginnen, wie ein lebendiges Herz im Körper. Da wusste der Prinz, dass er mit diesem Akt irgend etwas erlöst hatte, was in diesem steinernen Herzen gesteckt hatte.

Mit dieser Erkenntnis spürte er sein eigenes Herz pochend und so wohlig warm, und der Prinz gewann den Eindruck, als würde diese Wärme, über seine Hände aus seinem Körper hinaus strahlen. Gleichsam glaubte er das Steinherz auf seinem Schild gelegentlich aufzucken und pulsieren zu sehen. Jetzt wurde dem Prinzen die Botschaft seines weiteren Wirkens in der Welt bewusst. Mit seiner Erfahrung und seinem Frohsinn sollte er die Lebensfreude der anderen Menschen wecken und mit seinem ihm innewohnenden Strahlen ihre Lebensflamme anzünden. So würde auch deren Herz wieder zu neuem, bewussten Leben erweckt…

„Herrlich, das passt ja wieder mal zu dir Isak. Mit diesen Worten weckst du auch etwas in den Herzen deiner Zuhörer und Leser“, sprach Wichtel Helferich mit überzeugendem Ausdruck in seiner Stimme…

Der Abschied -2-

Da funkelte den Prinzen noch ein entfernt glänzendes Auge des im Dunst liegenden Baumdrachens an. Prinz Anmut lachte: „Fast hätte ich dich vergessen“, rief er in die Ferne und sah, wie der Baumdrache ebenfalls lachend über die scheinbar witzige Bemerkung sein Baumdrachengesicht schüttelte.

„Wir werden immer Eins sein und es von nun an bleiben“, dröhnte die erdige Stimme des Zauberzwergs zu dem Prinzen hinüber, gefolgt von der glockenreinen helltönenden Stimme seiner Glücksfee. „Hinter der Wegbiegung am Waldessaum findest du ein versteinertes Herz. Du sollst es mitnehmen zur Erinnerung und anstelle deines Zauberkristalls an deinem ausgedienten Schild befestigen,“ hörte der Prinz noch die immer leiser werdende Stimme tönen….

Er wandte seinen Blick nach links und warf noch einmal einen bewundernden Blick auf die aus dem Dunstschleier auftauchenden Helfensteine. Glückseeliger Schauer überkam ihn. „Bis bald“, rief der Prinz und erstaunlicherweise antworteten ihm die Steine mit einem nachhallenden Echo, oder war es vielleicht der Riese gewesen? „Daaankeee..“, rief der Prinz und ritt mit der Zunge schnalzend an. Vor ihm lag eine Wegbiegung von Bäumen umsäumt.

„Das ist aber eine schöne Abschiedsgeschichte“, rief Wichtel Helferich begeistert. Seine Augen glänzten vor Freude, als hätte er sich gerade von seinen Freunden verabschiedet. Jetzt fehlte ihm nur noch die Elfenkrone und er wäre Prinz Anmut, dachte ich. Dabei fiel mir auf, dass seine Wichtelmütze ja auch einen kronenartigen Ausdruck hatte, da sie oben offen und gezackt war. Also dachte ich, war sie eine Wichtelkrone für mich. Als ich Helferich meine Überlegungen mitteilte, lachte er freudig. „Ja – ich trage die Krone vom Wichtelland!“, rief er begeistert. „Und jetzt bitte weiter erzählen, damit ich alles erfahren kann, was du mit deinem Recken erlebt hast“, fügte er hinzu…

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